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CORRECTIV-Recherche deckt geheimes Datenanalysesystem von Europol auf

Essen/Berlin, 5. Mai 2026. Europol, die Polizeibehörde der EU, hat offenbar geheime Analyseplattformen betrieben, auf denen Mitarbeiter riesige Mengen sensibler Daten auswerten konnten. Das zeigt eine Recherche des gemeinnützigen Medienhauses CORRECTIV in Kooperation mit der griechischen Investigativredaktion Solomon und der britischen Fachpublikation Computer Weekly, basierend auf internen Dokumenten und Aussagen von Insidern.

Ehemalige Europol-Mitarbeiter beschreiben das System als „Schatten-IT-Umgebung“, die parallel zu den offiziellen Systemen der Strafverfolgungsbehörde genutzt wurde – allerdings ohne die rechtlich notwendigen Sicherheits- und Datenschutzvorkehrungen. Teile dieser Schatten-IT wurden offenbar vor dem Europäischen Datenschutzbeauftragten geheim gehalten.

Eines der Systeme ermöglichte es Europolmitarbeitern, sensible Daten abzurufen und zu analysieren, darunter Telefonverbindungsdaten, Ausweisdokumente sowie Finanz- und Standortdaten – auch von Personen, die keiner Straftat verdächtigt wurden. Es protokollierte weder ordnungsgemäß, wer auf die Daten zugriff, noch wer sie möglicherweise änderte oder löschte.

Dieser Teil der Schatten-IT entwickelte sich laut einem bislang unveröffentlichten, Europol-internen Bericht zur wichtigsten Plattform der Behörde für groß angelegte Kriminalanalysen.

2019 hatte Europol dem Europäischen Datenschutzbeauftragten einige Probleme gemeldet. Doch erst jetzt wird durch diese Recherche öffentlich, wie groß das Problem damals war: Laut einem internen Europol-Bericht aus dem Jahr 2019, den CORRECTIV über eine Informationsfreiheitsanfrage erhalten hat, wurden dort 99 Prozent der operativen Daten von Europol gespeichert und verarbeitet.

Außerdem blieb ein weiteres, verstecktes IT-System offenbar bestehen. Darauf deuten mehrere interne E-Mails zwischen Europol-Mitarbeitern und Berichte von ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern hin. Das Tool trägt demnach den Namen „Pressure Cooker“. Am 5. Oktober 2022 schickte ein Europol-Mitarbeiter eine E-Mail mit „Wichtigkeit: Hoch“ an die Postfächer hochrangiger Mitarbeiter. Darin warnte er, der Europäische Datenschutzbeauftragte könne bald von der „irregulären Situation mit dem Pressure Cooker“ erfahren. In der E-Mail schreibt der Mitarbeiter, Pressure Cooker sei die Bezeichnung der operativen Einheiten für ein Netzwerk, in dem sie "einige Aktivitäten ohne richtige IT-Kontrolle" entwickeln. „Wir haben mehrfach darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den ‚Pressure Cooker‘ zu beseitigen“. Nach seinen Angaben drängte Europols IT-Abteilung die Leitung, die Systeme in solche „mit ordnungsgemäßen Designs, Kontrollen usw.“ umzuwandeln.

Mit den Ergebnissen der Recherche konfrontiert, antwortete ein Sprecher, dass Europol dem Europäischen Datenschutzbeauftragten transparent über seine operativen Datenverarbeitungssysteme und -anwendungen berichtet habe. Der Vorwurf, dass Europol Informationen über Verarbeitungsumgebungen oder -systeme versteckt habe, sei eine falsche Darstellung der Tatsachen.

Ein hochrangiger ehemaliger Europol-Mitarbeiter, mit dem CORRECTIV gesprochen hat, geht davon aus, dass Europol aktuell versucht, das Tool nachträglich zu formalisieren. Dazu werde es dem Europäischen Datenschutzbeauftragten als geplante, künftige Funktion unter dem Namen „IFOE-QRA“ vorgestellt.

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