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11.06.2020 – 14:47

dpa-Faktencheck

WHO: Infizierte ohne Symptome können das Coronavirus übertragen

Berlin (ots)

Während viele Regeln gelockert werden, gibt es weiter eine Debatte, ob die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie angemessen waren. In diesem Zusammenhang wird in einem Artikel nun eine vermeintliche Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet, wonach Corona-Infizierte ohne Symptome "keine Überträger" des Virus seien (http://dpaq.de/82WD3).

BEWERTUNG: Die WHO hat nicht behauptet, dass Corona-Infizierte ohne Symptome das Virus nicht übertragen.

FAKTEN: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 5. Juni 2020 ein Papier veröffentlicht, das den Forschungsstand unter anderem zur Corona-Übertragung durch Infizierte ohne Symptome sammelt (http://dpaq.de/JQ9NG). Über diesen Stand informierte die WHO-Epidemiologin Maria Van Kerkhove am 8. Juni in einer Pressekonferenz (http://dpaq.de/YC7CB) und via Twitter (http://dpaq.de/e3jhR).

In dem Papier heißt es, dass auch Infizierte ohne Symptome in der Lage sein könnten, andere anzustecken ("people who do not have symptoms may be able transmit [sic!] virus to others"). Die Nachverfolgung von Kontakten in WHO-Mitgliedstaaten deute aber darauf hin, dass solche Ansteckungen sehr viel weniger wahrscheinlich seien als durch Infizierte mit Symptomen ("asymptomatically-infected individuals are much less likely to transmit the virus than those who develop symptoms").

Auf ihrer Pressekonferenz sagte Van Kerkhove, es sehe derzeit danach aus, dass Ansteckungen durch asymptomatische Infizierte "sehr selten" ("very rare") seien - ein Zitat, das auch im geprüften Artikel vorkommt. Die Aussage des geprüften Artikels, dass Infizierte ohne Symptome angeblich "keine Überträger" des Coronavirus seien, findet sich jedoch nirgends.

Einen Tag später, am 9. Juni 2020, präzisierte Van Kerkhove ihre Aussage (ab 3:14 im Video, http://dpaq.de/hveI9). Ihre Formulierung "sehr selten" sei missverständlich gewesen und bedeute nicht, dass Ansteckungen durch asymptomatische Infizierte weltweit sehr selten seien. Vielmehr hätten einzelne WHO-Mitgliedsstaaten gemeldet, bei Nachverfolgungen von Infektionsketten seien solche Ansteckungen nur "sehr selten" aufgefallen. Wissenschaftliche Modelle und Schätzungen gingen hingegen davon aus, dass bis zu 40 Prozent aller Ansteckungen auf asymptomatisch Infizierte zurückgehen könnten.

Allgemein verwies Van Kerkhove auf die bislang schlechte Datenlage und die geringe Zahl an Studien zum Thema. Ein Problem bei der Beurteilung ist demnach auch, dass sich die Zahl der Infizierten ohne Symptome nicht genau bestimmen lasse. Erneut sagte Van Kerkhove, dass Fälle bekannt seien, bei denen asymptomatische Infizierte das Virus nachweislich verbreitet hätten.

Unklar ist, worauf sich die Behauptung der "WHO-Kehrtwende" bezieht. Es gibt keinen Beleg, dass die WHO eine Einschätzung, dass asymptomatische Infizierte Überträger sein können, wieder zurückgenommen hat (Stand: 11. Juni 2020). Van Kerkhoves Erläuterungen zeigen lediglich einen für die Wissenschaft typischen Erkenntnisgewinn - der hier sogar das Gegenteil dessen darstellt, was im geprüften Artikel behauptet wird: Anfang April hatte die WHO noch mitgeteilt, dass keine asymptomatische Übertragung ("asymptomatic transmission") bekannt sei (http://dpaq.de/zBNgF). Das ist inzwischen anders.

Der im Artikel erklärte "krasse Gegensatz" der WHO-Einschätzung zu Aussagen anderer wissenschaftlicher Institutionen ist eine Übertreibung. Tatsächlich warnte die zuständige US-Behörde, das "Center for Disease Control and Prevention", am 1. April nicht vor Ansteckungen durch konstant symptomfreie Infizierte ("asymptomatic"), sondern vor Ansteckung durch Infizierte, bei denen sich die Symptome erst noch ausbilden ("presymptomatic") (http://dpaq.de/R0Rdc).

Auch die Aussagen der Virologin Sigrun Smola, Direktorin des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum des Saarlandes, am 29. April über "hochansteckende" Personen bezieht sich auf die Phase vor der Ausbildung von Symptomen (http://dpaq.de/yiKZw).

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Links:

Artikel auf "Journalistenwatch": https://www.journalistenwatch.com/2020/06/09/neue-who-kehrtwende/?fbclid=IwAR0FvLhzyWfCjA4f-U9KABtbkgWisik-IpgoRbkCGmrh6Dzyi1Jze-kVWlI (archiviert: http://archive.vn/9zI5X)

WHO-Veröffentlichung vom 5. Juni 2020: https://apps.who.int/iris/rest/bitstreams/1279750/retrieve (archiviert: https://archive.vn/FlvbW)

Tweet von Van Kerkhove: https://twitter.com/mvankerkhove/status/1270081492908216320 (archiviert: https://archive.vn/eEpEG)

Video mit Van Kerkhoves Aussagen vom 8. Juni 2020: https://www.youtube.com/watch?v=NQTBlbx1Xjs (archiviert: http://dpaq.de/Wa7xB)

Video der Pressekonferenz vom 9. Juni 2020: https://www.youtube.com/watch?v=7RcJ2yyNkUk (archiviert: http://dpaq.de/DT1Ap)

WHO-Veröffentlichung vom 2. April 2020: https://www.who.int/docs/default-source/coronaviruse/situation-reports/20200402-sitrep-73-covid-19.pdf?sfvrsn=5ae25bc7_2 (archiviert: https://archive.vn/0Syhx)

CDC-Veröffentlichung vom 1. April 2020: https://stacks.cdc.gov/view/cdc/86299 (archiviert: https://archive.vn/x7eP6)

Pressemitteilung des Universitätsklinikums des Saarlands vom 29. April 2020: https://www.uniklinikum-saarland.de/aktuelles/einzelansicht_news/aktuellesseite/article/homburger-virologen-steigern-mit-poolverfahren-die-kapazitaeten-fuer-coronavirus-massentests/ (archiviert: https://archive.vn/VFfd4)

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