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Polizeidirektion Hannover

POL-H: "Verdachtsmomente nicht ignorieren": Polizeidirektion Hannover appelliert an mögliche Betroffene von Sexualdelikten anlässlich eines abgeschlossenen umfassenden Ermittlungsverfahrens

Hannover (ots)

Die Polizeidirektion Hannover hat in einem außergewöhnlich umfangreichen Ermittlungskomplex Verfahren wegen mehr als 178 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geführt. Für die Bearbeitung war eine eigene Ermittlungsgruppe mit zeitweise bis zu 13 Mitarbeitenden eingerichtet worden. Die Ermittlerinnen und Ermittler wurden bei ihrer Arbeit durch das Landeskriminalamt Niedersachsen unterstützt.

Ausgangspunkt der akribischen Ermittlungen und Auswertungen waren Hinweise aus den anlassunabhängigen Recherchen anderer deutscher Sicherheitsbehörden. Aus diesen ersten Anhaltspunkten entwickelte sich über Monate ein Verfahren von erheblichem Umfang, zu dem am Donnerstag, 10.09.2026, am Landgericht Hannover der Prozess gegen einen Angeklagten begonnen hat.

Im Zuge der Auswertung sichteten die Ermittlerinnen und Ermittler mehr als 42.000 Videodateien. Fast 1.700 Dateien erwiesen sich als inkriminiert und wurden daher vollständig ausgewertet und dokumentiert. Der überwiegende Teil dieser Aufnahmen wurde nach dem Ermittlungsergebnis mutmaßlich von dem Tatverdächtigen selbst gefertigt. Hinzu kam die Auswertung von annähernd 6.000 Chatverläufen.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat auf dieser Grundlage Anklage vor dem Landgericht Hannover erhoben. Gegenstand des an diesem Donnerstag gestarteten Strafprozesses sind über 100 Sexualdelikte zum Nachteil einer Frau, mit der der Angeklagte zur Tatzeit in einer Beziehung lebte. Die Anklage wirft ihm unter anderem vor, die Frau über mehrere Jahre hinweg betäubt und sexuelle Handlungen an der dadurch widerstandsunfähigen Person vorgenommen zu haben. Die Taten sollen gefilmt und die Videos auf eine Internetplattform hochgeladen worden sein, die aufgrund des massenhaften Austausches von Vergewaltigungsvideos und Missbrauchsinhalten international in die Schlagzeilen geriet.

Der Ermittlungskomplex endet jedoch nicht an der Landesgrenze: Aus der Auswertung ergaben sich 78 Folgeverfahren gegen Kontaktpersonen in Deutschland und mindestens zehn weiteren Staaten in Europa und darüber hinaus. Diese Verfahren wurden zuständigkeitshalber an die entsprechend zuständigen Behörden abgegeben. Weitere Tatverdächtige sind bereits identifiziert. So wurde unter anderem in Frankreich ein Haftbefehl vollstreckt. Im Zuge der Auswertungen der Dateien stieß die Ermittlungsgruppe zudem auf fast 100 noch unidentifizierte Opfer, zu denen weiter ermittelt wird.

"Ermittlungsarbeit wird oft an Zahlen gemessen. Mir ist hier aber noch wichtiger, was hinter den Zahlen steht: eine Frau, deren Vertrauen in eine Partnerschaft, nach allem was wir wissen, massiv missbraucht wurde. Ich bin dankbar für ein hoch motiviertes und erfahrenes Team der Polizeidirektion Hannover, das monatelang belastendes Material gesichtet hat, damit die Justiz nun über den Fall entscheiden kann. Wir müssen Opfer schützen und stützen. Großen Respekt habe ich für diejenigen, die diese Ermittlungen so nachhaltig im Sinne der Opfer geführt haben. Wir werden nicht nachlassen, auch weiterhin solche Täter zu überführen.", so ordnete die Polizeipräsidentin der Polizeidirektion Hannover, Gwendolin von der Osten, die intensive Ermittlungsarbeit ein und betonte: "Wir müssen Verdachtsmomente ernst nehmen, sie nicht kleinreden oder ignorieren."

Sexualisierte Gewalt in Beziehungen bleibt häufig lange unentdeckt - auch, weil Betroffene physische wie psychische Auffälligkeiten zunächst für sich behalten oder sich selbst gegenüber relativieren. Die Polizeidirektion Hannover rät: Wer unerklärliche körperliche Symptome, Erinnerungslücken oder Veränderungen im eigenen Umfeld bemerkt, sollte diese nicht kleinreden. Es hilft, eine Vertrauensperson einzubeziehen und Beobachtungen offen anzusprechen. Anzeigen bei der Polizei können jederzeit über jede Dienststelle oder in akuten Fällen über den Notruf 110 erstattet werden.

Bei einem Verdacht auf sexualisierte Gewalt bestehen mehrere Wege, wie Betroffene vorgehen können: Diese reichen über die empfohlene Anzeigenerstattung bei der Polizei, über Kontaktaufnahme zu Beratungsstellen vor Ort oder online, die vertraulich arbeiten. Zudem bietet das "Netzwerk ProBeweis" die Möglichkeit, zeitnah eine vertrauliche Spurensicherung vorzunehmen und so Anhaltspunkte für körperliche Gewalt rechtssicher zu dokumentieren und für den Fall einer späteren Anzeigenerstattung aufzubewahren.

Allein das Verabreichen von Substanzen zur Sedierung, wie beispielsweise K.o.-Tropfen als mögliche Vorbereitung auf eine Sexualstraftat kann bereits als gefährliche Körperverletzung eingeordnet werden. Besteht der Verdacht, dass K.o.-Tropfen verabreicht wurden, ist eine zeitnahe Sicherung von Blut- und Urinproben erforderlich, damit die Substanzen möglichst noch nachgewiesen und die entsprechenden Spuren gesichert werden können.

Digitale Spuren verschwinden nicht mit der Zeit, selbst wenn sie vermeintlich gelöscht oder verschleiert werden. Kontakte zu Tatbeteiligten und in Netzwerke hinein lassen sich nachvollziehen, und Ermittlungsbehörden im In- und Ausland arbeiten dabei zusammen, Tatverdächtige zu identifizieren. "Wer solch niederträchtige Straftaten begeht, sollte jeden Tag, jede Stunde damit rechnen, dass die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss in der Tür steht", betont der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizeidirektion Hannover, Leitender Kriminaldirektor Harry Blome.

### Hinweis ###

Die Pressehoheit für das Verfahren vor dem Landgericht Hannover liegt beim Gericht. Auskünfte zum Verfahrensstand, zu Terminen und zum Gang der Hauptverhandlung erteilt ausschließlich die dortige Pressestelle. Diese Mitteilung beschränkt sich auf die abgeschlossene polizeiliche Ermittlungsarbeit. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rückfragen bitte an:

Polizeidirektion Hannover
Michael Bertram
Telefon: 0511 109-1040
E-Mail: pressestelle@pd-h.polizei.niedersachsen.de
https://www.pd-h.polizei-nds.de

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