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WAZ: Willy Brandt, Sozialdemokrat - Kommentar von Dietmar Seher

Essen (ots) - Fragt man SPD-Mitglieder aus der Generation der heute 60-Jährigen, warum sie einmal in die Partei eingetreten sind, so lautet die Antwort in den allermeisten Fällen: Willy Brandt. Der Mann, der von 1964 bis 1987 als Vorsitzender die SPD führte, füllt noch gut 20 Jahre nach seinem Tod wie kein Zweiter die Herzen der Sozialdemokraten mit Stolz. Helmut Schmidt, der kühle Pragmatiker, ist in der Partei hoch angesehen - Brandt, der heute 100 Jahre alt würde, wird geliebt.

Als Brandts heutiger Nachfolger Sigmar Gabriel letzten Samstag den Erfolg des SPD-Mitgliederentscheids feierte, berief er sich gleich am Anfang auf Brandt und dessen berühmtes Kanzler-Motto, er werde "mehr Demokratie wagen". Der Jubel der Basis war ihm gewiss. Deutschland gedenkt heute eines Staatsmannes, der die Gabe hatte, den Menschen Politik erklären zu können, der aber auch hin- und hergerissen schien zwischen den brutalen Realitäten der Spaltung und dem Traum von der scheinbar unerreichbaren deutschen Einheit. Am Ende hat er an das geeinte Deutschland geglaubt. Brandt, der Friedensnobelpreisträger, hat durch seine Ostpolitik die Wiedervereinigung, die Helmut Kohl als Kanzler ins Ziel führte, mit ermöglicht. Er hat den Boden dafür bereitet, dass das weltweite Ansehen der Nation nach Hitler und Holocaust wiederhergestellt wurde.

Der Arbeitersohn aus Lübeck, das gefeierte Idol, war kein rundum strahlender Held. Zwischen 1969 und 1974 hat der Kanzler Brandt Weichen für die moderne Gesellschaft gestellt. Dem Strafrecht schnitt er alte Zöpfe ab. Betrieben verordnete er Mitbestimmung. Familienpatriarchen, die der Ehefrau nach Gutdünken die Schuld für eine Scheidung zuweisen wollten, schickte er aufs Altenteil. Politische und gesellschaftliche Moral hat unter Brandt einen Standard bekommen, der vielfach bis heute gilt.

Vielleicht wird man, wenn die Generation Brandt abgedankt hat, nicht mehr vom Denkmal Brandt sprechen. Man wird vielleicht eher sagen, dass der Mann geholfen hat, den Weg Deutschlands ins dritte Jahrtausend zu ebnen. Das ist wahrlich Anerkennung genug.

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