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BERLINER MORGENPOST: Vorsicht vor der Selbstzufriedenheit Thomas Exner über Deutschlands unerwarteten Aufschwung aus der Wirtschaftskrise

Berlin (ots) - Nun ist es auch vonseiten der Statistik amtlich: Die deutsche Wirtschaft hat im vergangenen Jahr das wohl eindrucksvollste Comeback ihrer Geschichte hingelegt. Das Wachstumsplus von 3,6 Prozent im vergangenen Jahr ist nicht nur in seiner absoluten Größe beachtlich, sondern vor allem auch, wenn man es mit der Entwicklung praktisch aller anderen großen Industrienationen vergleicht. Rückblickend bleibt nur festzustellen: Deutschland hat vieles richtig gemacht, um aus der tiefen Rezession nach der Bankenkrise rasch herauszukommen - die Unternehmen haben an ihren Mitarbeitern festgehalten, die Verbraucher haben sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, und die Regierung hat mit ihren Hilfen die Rahmenbedingungen geschaffen. Die Schwarzmaler mit ihren Horrorszenarien hatten unrecht. Vieles spricht dafür, dass der Aufschwung auch 2011 anhalten wird - wenn auch in abgeschwächter Form. Die Kauflaune der Konsumenten dürfte von steigenden Löhnen weiter beflügelt werden, und auch aufseiten der Unternehmen gibt es bei den Investitionen immer noch Nachholbedarf. Hinzu kommt eine erstaunliche robuste Auslandsnachfrage gerade aus den Schwellenländern. Dabei profitiert die heimische Wirtschaft nicht nur vom weitgehend gelungenen Krisenmanagement, sondern vor allem auch von den teilweise sehr schmerzhaften Strukturreformen nach der Jahrtausendwende. Deutsche Produkte haben heute eben nicht nur den Ruf, qualitativ hochwertig zu sein - sie sind auch preislich durch die langjährige Lohnzurückhaltung oftmals wieder sehr wettbewerbsfähig. Trotz dieser positiven Bilanz muss aber die Frage erlaubt sein, ob auch langfristig die richtigen Schlussfolgerungen aus den Ursachen der Krise gezogen wurden, um künftige Abstürze dieser Art unwahrscheinlicher zu machen. Die Antwort lautet: allenfalls bedingt. Nach wie vor hängt Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft am Export, nach wie vor gibt es riesige Ungleichgewichte in den internationalen Handelsströmen und nach wie vor schlummern im Finanzsektor immense Risiken. Und damit nicht genug: Auch in Deutschland ist der Schuldenstand des Staates durch die Krisenbekämpfung in die Höhe geschnellt. Und zugleich wurden die Finanzmärkte von den Notenbanken mit Geld geflutet, um die Konjunktur zu beleben. Zur Wahrheit gehört also auch, dass der Aufschwung mit neuen großen Risiken erkauft wurde. Natürlich lassen sich nicht all diese Probleme im nationalen Alleingang lösen. Aber es scheint, als sonne sich die Politik in Berlin einfach im Glanz der guten Zahlen - als sei ihr endgültig der Elan zu Reformen abhanden gekommen. Dabei wäre es wichtig, gerade in diesem günstigen Umfeld die Weichen für neues, stärker aus der Binnenwirtschaft getriebenes Wachstum zu stellen. Der Stolz auf das Erreichte darf nicht träge machen. Verharrt man jetzt in Selbstzufriedenheit, ist dies der sicherste Weg, um ungebremst in die nächste Krise zu steuern. Wie schnell der Glanz vergehen kann, hat schließlich nicht zuletzt das abrupte Ende des Wirtschaftsbooms nach der Wiedervereinigung gezeigt. Und auch der aktuelle Aufschwung ist fragiler, als es manchem in der schwarz-gelben Bundesregierung scheinen mag.

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