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BERLINER MORGENPOST: Das Märchen vom teuren gesunden Essen Ulli Kulke über Dioxin in Lebensmitteln und die Forderung nach schärferen Kontrollen

Berlin (ots) - Nach jedem Lebensmittelskandal wird sie mit einer Sicherheit serviert, dass man das viel zitierte Gift darauf nehmen könnte, im jüngsten Fall eben Dioxin: die Weisheit, dass die Lebensmittel bei uns einfach zu billig seien. Wären sie teurer, so lautet der implizite Umkehrschluss, gäbe es keine Skandale mehr, oder doch zumindest weniger. Explizit hören wir dies schon seltener. Denn dass es so einfach wäre, will kaum jemand wirklich behaupten. Auch der Hinweis, dass es in Deutschland besonders schlimm sei, weil hier die Nahrung billiger ist als in Nachbarländern, klingt nicht wirklich überzeugend. Schließlich ist auch das Ausland, wo der Anteil des Einkommens, der für Nahrung ausgegeben wird, bisweilen doppelt so groß ist, nicht gefeit vor ähnlichen Skandalen. Kleiner sind die Supermärkte bei unseren Nachbarn jedenfalls nicht, nur die Regale für Bioware nehmen im Durchschnitt weniger Raum ein. Wir müssen uns also nicht unbedingt dafür schämen, der Erkenntnis, dass Lebensmittel bei uns preiswert sind, auch positive Seiten abzugewinnen. Es steht jedem frei, teurere Nahrung einzukaufen. Meist erhält er dafür schmackhaftere Ware, am spürbarsten vielleicht beim Wein, es gilt aber auch für Fleisch, Kartoffeln und anderes - auch übrigens für die umstrittene Gänsestopfleber und Kaviar vom gefährdeten Stör. Es hängt, wie so oft, vom Geldbeutel ab. Dass teurere Lebensmittel auch gesünder seien, ist schon fraglicher, und wird gerade beim Thema Bio oder Nicht-Bio von Experten bestritten. Deshalb ist es vollkommen vermessen und unberechtigt, an die fragwürdige These von der skandalträchtigen Billignahrung sogleich die Forderung nach einer Gesamtumstellung der Landwirtschaft zu hängen. Womöglich auch noch flächendeckend auf Bioprodukte. Wer dies einklagt, der möge zur Kenntnis nehmen, dass ein großer Teil der Bevölkerung nach aller Abwägung von Einkommen und Risiko bewusst zum Billigprodukt greift. Und damit nicht nur ganz gut lebt trotz aller angeblichen Giftbelastungen, sondern auch die gesundheitliche Expertise der Behörden mit ihrem System von Grenzwerten hinter sich weiß, auch wenn manche ihnen das madig machen wollen. Viele Menschen verlassen sich - zu Recht - darauf, was das dafür zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung dazu sagt. Und es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Behörde es sich bei seiner Beurteilung leicht machen würde, wenn es feststellt, dass die bei uns im Verkehr befindlichen Nahrungsmittel im Normalfall sicher sind, egal ob preiswert oder besonders teuer. Was bleibt, ist die Pflicht der Länder, ihre nachlässigen Kontrollen auszubauen, um Skandale nach bestem Wissen zu unterbinden. Wer dagegen meint, mafiöse Machenschaften dadurch auszuschalten, dass es in der Landwirtschaft um mehr Geld geht, der sollte zunächst bei der Mafia in die Schule gehen und dort ein Wirtschaftsseminar belegen: Je höher die Gewinnmargen, je mehr Geld etwa Futtermittel kosten dürfen, desto lukrativer wird es, billige Industriefette oder andere Abfälle den landwirtschaftlichen Betrieben als Hühnernahrung unterzujubeln. Wir können es drehen und wenden wie wir wollen: Gute Kontrolle ist das Gelbe vom Ei.

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