Europäisches Verbraucherzentrum Deutschland
Digitale Maut: Europäisches Verbraucherzentrum fordert Nachbesserungen bei Regeln und Sanktionen
Wer mit dem Auto ins europäische Ausland reist, rechnet meist mit klar erkennbaren Mautstationen. Schranke, Kasse, Ticket. Die Realität sieht vielerorts anders aus: digitale Vignetten und Kennzeichenerfassung per Kamera.
Verbraucher schildern dem Europäischen Verbraucherzentrum (EVZ) Deutschland regelmäßig Fälle, in denen sie zahlen wollten – und trotzdem Wochen später mit hohen Forderungen konfrontiert werden. Nicht wegen Vorsatz, sondern wegen formeller, ungewollter Fehler.
Aus Sicht des EVZ zeigt sich dabei ein grundlegendes Problem: Mautsysteme werden in vielen Ländern ohne Schranken oder Personal betrieben. Die Kontrolle erfolgt lückenlos per Kamera – jeder formelle Verstoß wird automatisch erfasst und sanktioniert, selbst wenn die Betroffenen die Maut korrekt bezahlen wollten. Für Verbraucher entsteht so ein deutliches Ungleichgewicht zwischen einfacher Kontrolle auf Betreiberseite und hohem Haftungsrisiko auf Kundenseite.
Wenn ein Zahlendreher zur „Fahrt ohne Maut“ wird
Beim Online-Kauf einer digitalen Vignette reichen Kleinigkeiten, um zu Problemen zu führen:
Zum Beispiel:
- Ein Zahlen- oder Buchstabendreher im Kennzeichen
- Der Bindestrich im Kennzeichen wird an der falschen Stelle eingegeben
- Versehentlich der falsche Gültigkeitszeitraum für die Fahrt ausgewählt
- Der Bezahlvorgang wird technisch nicht korrekt abgeschlossen (etwa weil der Kauf nicht final bestätigt wurde oder ein technischer Fehler bei der Online-Zahlung auftritt). Ohne Bestätigungsmail sollte die Fahrt keinesfalls begonnen werden.
Die Betroffenen gehen davon aus, korrekt bezahlt zu haben. Formal gilt die Fahrt jedoch als mautpflichtig ohne gültige Registrierung.
Nicht bei Drittanbietern bestellen
Neben diesen systembedingten Fehlerquellen kommt ein weiteres Problem hinzu. Viele Reisende kaufen Vignetten unbeabsichtigt bei Drittanbietern. Diese erscheinen bei Suchmaschinen oft ganz oben. Dort sind die Preise deutlich höher als bei den offiziellen Verkaufsstellen der Länder.
Zusätzlich kommt es immer wieder vor, dass der Drittanbieter die Fahrzeug- oder Personendaten fehlerhaft an das offizielle Mautsystem weiterleitet. Verbraucher haben keinen Einblick in dieses System und können die Angaben weder kontrollieren noch korrigieren. Die Folge: Trotz Bezahlung liegt keine gültige Registrierung vor.
Tipp: Vignetten ausschließlich bei den offiziellen Stellen des jeweiligen Landes erwerben.
Hartes Durchgreifen: Das Beispiel Österreich und die Ersatzmaut
Wie drastisch die Folgen rein formeller Fehler sein können, zeigt sich in Österreich besonders deutlich.
Wer dort aufgrund eines Eingabefehlers bei der Vignettenregistrierung ohne gültige Vignette auf der Autobahn unterwegs ist, muss seit Anfang 2026 eine Ersatzmaut von 200 Euro zahlen (vormals 120 Euro). Diese steht in keinem Verhältnis zum eigentlichen Vignettenpreis (Tagesvignette Pkw: 9,60 Euro, Jahresvignette Pkw: 106,80 Euro).
Wird die Ersatzmaut nicht fristgerecht beglichen, wird mit einem Verwaltungsstrafverfahren gedroht, bei dem die Strafe bis auf 3000 Euro ansteigen kann.
„Diese Androhung sorgt dafür, dass die meisten Verbraucher – selbst bei guten Chancen im Verwaltungsverfahren – lieber zahlen, obwohl sie die Maut ursprünglich korrekt entrichten wollten und lediglich ein formeller Fehler vorlag“, sagt Malina Garcia, Juristin beim EVZ Deutschland. „Hier zeigt sich ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Interessen der Mautbetreiber und denen der Verbraucher. Im Sinne des Verbraucherschutzes wäre es wünschenswert, die Regelungen zu digitalen Mautsystemen und Sanktionen in Europa nachzubessern und zu vereinheitlichen.“
Nähere Informationen zu Bußgeldern und Mautnachforderungen aus dem Ausland auf der Webseite des EVZ Deutschland.
Ihr Kontakt für Presseanfragen: Peter J. Koop
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