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27.01.2020 – 14:28

dpa-Faktencheck

Harvard-Studie über Windkraftanlagen geht von Treibhauseffekt aus

Berlin (ots)

"Nicht CO2, sondern Windräder" würden die Temperaturen erhöhen, wird in einem über soziale Medien verbreiteten Beitrag behauptet (https://perma.cc/63GR-LS3G). Als Grundlage dieser These wird eine Studie der Universität Harvard über Windkraftanlagen angeführt. Daraus wird in dem Beitrag "als Fazit" abgeleitet, dass der Temperaturanstieg durch den Ausbau der Windenergie hervorgerufen wurde, "nicht aufgrund des CO2" (Kohlenstoffdioxid).

BEWERTUNG: Die zitierte Studie zeigt, dass sich Windkraftanlagen auf das lokale Klima auswirken und die Temperaturen erhöhen. Die Harvard-Forscher bestreiten jedoch nicht, dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre zur globalen Erwärmung beiträgt: "Die Klimaauswirkungen von Wind und Sonne sind im Vergleich zu den Auswirkungen fossiler Brennstoffe, die sie verdrängen, gering, aber nicht automatisch zu vernachlässigen."

FAKTEN: Lee M. Miller und David W. Keith, Forscher der US-Universität Harvard, haben untersucht, ob Windenergieanlagen Auswirkungen auf das lokale Klima haben. Miller und Keith kommen zu dem Ergebnis, dass die Erzeugung des gesamten Strombedarfs der USA mit Windkraft, die Oberflächentemperatur des amerikanischen Kontinents um 0,24 Grad Celsius erhöhen würde (https://perma.cc/X9AJ-DKCV).

Demnach entsteht dieser Temperaturanstieg in Windparks durch die Aufnahme von Bewegungsenergie und durch Umverteilung der Wärme, indem Luftschichten durchmischt werden.

Bei der Berechnung für Solarenergie stellten die Autoren fest, dass ihre Auswirkungen auf das Klima etwa 10 Mal geringer waren als die von Windkraft. So kommt die Studie zu dem Ergebnis: "Die Gesamtauswirkungen des Windes auf die Umwelt sind sicherlich geringer als die fossiler Energie." Bei der Entscheidung zwischen Wind- und Solarenergie sollten jedoch die jeweiligen Klimaauswirkungen berücksichtigt werden.

Laut Studie würde die Erwärmung der Luft durch Windenergie in den USA die Verringerung der Erwärmung durch vermiedene CO2-Emissionen in den ersten 100 Jahren übersteigen. Der Grund hierfür sei, dass sich der Erwärmungseffekt überwiegend lokal auf den Windpark beschränken würde, während Konzentration von Treibhausgas global reduziert werden müsse, bevor die Vorteile zum Tragen kommen würden. "Die direkten Klimaauswirkungen der Windenergie sind augenblicklich, während sich die Vorteile nur langsam ansammeln", sagt Keith (http://dpaq.de/iMFnt).

Im 19. Jahrhundert entdeckten Physiker, dass der Wasserdampf und das Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre das Klima erwärmen. Dass der CO2-Gehalt im Zuge der Industrialisierung immer weiter steigt, konnte in den 1950er Jahren erstmals bewiesen werden. Zweifelsfrei erwiesene Ursache: Die Nutzung fossiler Brennstoffe durch den Menschen (http://dpaq.de/DsbG1).

"Messdaten aus aller Welt belegen, dass neben der Kohlendioxidkonzentration auch die mittlere Temperatur in den abgelaufenen hundert Jahren deutlich gestiegen ist", heißt es beim Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung. "Und zwar etwa in dem Maße, wie es nach unserem physikalischen Verständnis des Treibhauseffekts auch zu erwarten ist."

Eigentlich ist dieser Effekt ein natürlicher Vorgang. Denn Treibhausgase wie Methan und CO2 sind seit jeher Bestandteil der Atmosphäre. Wie in einem Treibhaus lassen sie Sonnenstrahlung durch und halten Wärme fest, was Leben auf der Erde erst ermöglicht. Ohne diesen Prozess wäre die Erde vereist (http://dpaq.de/yiyNg). Das Problem: Der Mensch hat diesen natürlichen Treibhauseffekt verstärkt und das atmosphärische Gleichgewicht durch zusätzliche Emissionen von CO2 zerstört.

Betrug die weltweite Kohlendioxid-Konzentration vor Beginn der Industrialisierung um 1750 noch 260 bis 280 ppm, lag sie nach Angaben des Umweltbundesamtes 2018 bei mehr als 407 ppm ("parts per million"). Ein ppm entspricht einem Molekül Kohlendioxid pro einer Million Moleküle trockener Luft (http://dpaq.de/mujIV).

Die Folgen spüren wir alle: Es wird immer wärmer. Satellitenmessungen bestätigen den Trend. So gehörten die Jahre 2015 bis 2019 in Deutschland zu den wärmsten seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881, wie das Umweltbundesamt erläutert (http://dpaq.de/7ucWp).

Die Windenergie wurde erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv ausgebaut, laut "Global Wind Report 2018" von weltweit etwa 24 Gigawatt im Jahr 2001 auf rund 591 Gigawatt in 2018 (http://dpaq.de/s3Myu). Der globale Temperaturanstieg setzte schon deutlich früher ein.

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Links:

Behauptung auf Instagram: https://www.instagram.com/p/B6pDBhqo_uq/ (archiviert: https://perma.cc/63GR-LS3G)

Harvard-Studie: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S254243511830446X (archiviert: https://perma.cc/X9AJ-DKCV)

Artikel zur Studie in "The Harvard Gazette": https://news.harvard.edu/gazette/story/2018/10/large-scale-wind-power-has-its-down-side/ (archiviert: http://dpaq.de/iMFnt)

Reaktionen aus der Wissenschaft zur Studie: https://www.sciencemediacentre.org/expert-reaction-to-research-on-climatic-impact-of-wind-power/

Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung: http://www.pik-potsdam.de/~stefan/Publications/Book_chapters/der_klimawandel_kapitel2.pdf

Umweltbundesamt zu Treibhauseffekt: https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/wie-funktioniert-der-treibhauseffekt

Umweltbundesamt zu Treibhausgasen: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/atmosphaerische-treibhausgas-konzentrationen#textpart-1

Umweltbundesamt zu Lufttemperaturen: https://www.umweltbundesamt.de/daten/klima/trends-der-lufttemperatur#textpart-1

"Global Wind Report 2018" zu Windenergieleistung: https://gwec.net/wp-content/uploads/2019/04/GWEC-Global-Wind-Report-2018.pdf#page=27

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