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23.10.2019 – 13:58

dpa-Faktencheck

Eine Urheberschaft Alexander von Humboldts ist nicht nachzuweisen

Berlin (ots)

In sozialen Medien, aber auch im politischen Umfeld wird dem Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) folgende Aussage zugeschrieben: «Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben» (Beispiel: http://dpaq.de/4MqdG).

BEWERTUNG: Für eine Urheberschaft Humboldts gibt es keinen Beleg.

FAKTEN: Der Humboldt-Forscher Ingo Schwarz bestätigt der Deutschen Presse-Agentur (dpa) per Mail am 11. Oktober 2019: «Es kursieren von diesem Satz zahlreiche Varianten im Netz, denen eines gemeinsam ist: kein Nachweis, wo Humboldt es gesagt haben soll. Offenbar wird aus dem Gedächtnis zitiert oder falsch abgeschrieben.»

Der Mitarbeiter der Berliner Alexander-von-Humboldt-Forschungsstelle (http://dpaq.de/Xx56a) berichtet, sein Team habe die im Netz verfügbaren Text Humboldts, etwa das umfassende Werk «Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung» (1845), auf den Gebrauch des Wortes «Weltanschauung» durchsucht. Darin nutze der Naturforscher das Wort, «aber eher in einem physiologischen Sinn: "Das Auge ist das Organ der Weltanschauung". Also im Sinne von "Betrachtung"», so Schwarz (vergl. http://dpaq.de/Gpd2l). Auch die Prüfung von Briefen, die der Forschungsstelle vorlägen, habe keinen Hinweis auf die Authentizität des Zitats erbracht.

Manfred Osten, langjähriger Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn hat das Zitat ebenfalls mehrfach in seinen Reden verwendet, zum Beispiel bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Pécs am 14. März 2002 (http://dpaq.de/Tm84n) oder an der TU Bergakademie Freiberg am 6. Mai 2009 (http://dpaq.de/2aZAQ).

In diesem Jahr verweist er in einem Artikel in der Zeitung «Die Welt» ebenfalls auf die Aussage (http://dpaq.de/nfeOG) - hier allerdings mit der Einschränkung «ein Humboldt zugeschriebenes Zitat». Auf die Diskrepanz angesprochen teilte Osten der dpa per E-Mail am 15. Oktober 2019 mit, er habe die Fundstelle «selber leider auch nie überprüft. Ich fürchte, dass man es bei "zugeschrieben" belassen muss.»

Die Humboldt-Universität zu Berlin feiert in diesem Jubiläumsjahr Alexander von Humboldt mit einem Internet-Angebot unter dem Titel «Wir sind Humboldt». Die Startseite schmückt sich mit dem fraglichen Weltanschauungszitat (http://dpaq.de/D2N4w). Der dort genannte Quellenhinweis beziehe sich aber ausschließlich auf das dort verwendete Bildmaterial, sagte eine Universitätsmitarbeiterin der dpa am 14. Oktober 2019 auf entsprechende Nachfrage. Einen Beleg, ob und wo sich die Aussage im Werk Alexander von Humboldts finden ließe, könne auch sie nicht geben.

Der Zitateforscher Gerald Krieghofer bezeichnet auf seinem Blog «falschzitate.blogspot.com» die Aussage als «Kuckuckszitat», die Alexander von Humboldt aller Wahrscheinlichkeit untergeschoben worden sei. Eine eindeutige Quelle hat auch er nicht gefunden (http://dpaq.de/U5wi3).

Als mögliche Quelle des Zitats verweist er auf einen Text des 1927 verstorbenen österreichischen Schriftstellers Bruno Ertler (http://dpaq.de/P9kAw). Dieser hatte in seinem Werk «Das klingende Fenster» geschrieben (http://dpaq.de/bctNZ): «... was sie dann den "Kampf der Weltanschauung nennen, sie, die die Welt nie angeschaut haben.»

Humboldt-Forscher Schwarz gibt zu bedenken: «Natürlich ist es kaum möglich, mit letzter Sicherheit zu sagen, dass Humboldt etwas nicht gesagt hat.» Es gelte deshalb die «Faustregel: Was nicht genau nachgewiesen wird, muss mit Vorsicht genossen werden, auch wenn es in Politiker-Reden zitiert wird, weil es so gut passt».

Politiker schmücken sich gern mit der angeblichen Humboldt-Aussage. Einige Beispiele:

   - Der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sie in 
     seiner Zeit als Bundesaußenminister als seinen «Lieblingssatz 
     von Alexander von Humboldt» bezeichnet - aber auch hinzugefügt: 
     «Leider nur ist nicht belegt, ob er ihn wirklich gesagt hat.» 
     (http://dpaq.de/HGVhV)
   - Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) macht in einer im August
     2019 auf Twitter veröffentlichten Würdigung Humboldts deutlich, 
     dass das fragliche Zitat «ihm zugeschrieben» werde. 
     (http://dpaq.de/OYKaR)
   - Der AfD-Bundestagsabgeordnete Christoph Neumann zitiert Humboldt
     über einer im Internet veröffentlichten Weltkarte, auf der er 
     mit roten Steckzeichen markiert hat, welche Teile der Welt er 
     selbst besichtigt hat. (http://dpaq.de/ixR5E)
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Links:

Fundstellen des angeblichen Humboldt-Zitats: http://dpaq.de/Ud0e1

Ingo Fischer an der Uni Potsdam: https://www.uni-potsdam.de/romanistik/hin/hin29/vorwort.htm

Zitateforscher Krieghofer: http://falschzitate.blogspot.com/2017/09/die-gefahrlichste-aller.html (archiviert: http://dpaq.de/GOmqN)

Alexander von Humboldts «Kosmos» im Deutschen Textarchiv: http://dpaq.de/l2IZ9 (archiviert: http://dpaq.de/bsqA9)

Zitat «Das Auge ist das Organ der Weltanschauung» in «Kosmos»: http://dpaq.de/Gpd2l (archiviert: http://dpaq.de/kAH0M)

Rede Osten 2002: http://www.humboldt.hu/sites/default/files/hn22osten-rede.pdf (archiviert: http://dpaq.de/Ikq5a)

Rede Osten 2009: https://tu-freiberg.de/sites/default/files/media/geschichte/die_europaeer_humboldt.pdf (archiviert: http://dpaq.de/uBy18)

Artikel Osten in der «Welt», September 2019: https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article200286394/Die-sinnliche-Wissenschaft.html (archiviert: http://dpaq.de/ljOie)

Startseite «Wir sind Humboldt»: https://wirsindhumboldt.de/de (archiviert: http://dpaq.de/Hms1t)

Auszug aus «Das klingende Fenster»: http://dpaq.de/bctNZ

Rede Steinmeier 2015: http://dpaq.de/HGVhV (archiviert http://dpaq.de/h8Lbx)

Aussage Bildungsministerin Karliczek 2019: http://dpaq.de/OYKaR (archiviert: http://dpaq.de/wMjb5)

Weltkarte AfD-Abgeordneter Neumann: http://dpaq.de/ixR5E (archiviert: http://dpaq.de/1F5Xk)

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Kontakt zum dpa-Faktencheckteam: faktencheck@dpa.com

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