„Wir sollten nicht vergessen, wie viel wir gemeinsam haben“, PI Nr. 76/2026
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„Wir sollten nicht vergessen, wie viel wir gemeinsam haben“
Um Zusammenhalt zu stärken, setzen Bildungsprogramme viel zu häufig an kleinteiligen sozialen Unterschieden an, warnt ein amerikanisch-deutsches Forschungsteam. Eine Studie mit 644 Schulklassen in Delhi, Indien, zeigt einen alternativen Ansatz – mit vielversprechenden Ergebnissen.
Sozialer Zusammenhalt ist der Kitt unserer Gesellschaft. Nun ist dieser Kitt am Bröckeln, seit Jahren ist eine zunehmende Polarisierung spürbar. Um den Zusammenhalt zu stärken, setzen Bildungsprogramme für mehr Toleranz sehr häufig bei den sozialen Unterschieden an: zum Beispiel bei Ethnie, Religion oder Nationalität. Ist dies jedoch wirkungsvoll? Einen genau umgekehrten Ansatz empfiehlt ein amerikanisch-deutsches Forschungsteam unter Beteiligung der Universität Konstanz: Nicht etwa die Unterschiede sollten der Ansatzpunkt sein, sondern allgemeine humane Werte.
Die Forscher*innen aus Konstanz, San Diego und Stanford entwickelten ein Bildungsprogramm, das in einer großangelegten Pilotstudie in Indien mit 644 Schulklassen und über 8.600 Teilnehmer*innen getestet wurde. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Effekt des Programmes bei der Reduzierung von diskriminierenden Einstellungen sowie bei der Förderung von sozialem Verhalten, zivilen Werten und gesellschaftlichem Engagement. „Der Effekt kommt ungefähr an die Hälfte dessen heran, was den Einfluss des Elternhauses auf die eigenen Einstellungen und Werte ausmacht“, vergleicht Christina Felfe, Professorin für Applied Microeconomics und Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz. Das Bildungsprogramm und die Ergebnisse der Studie wurden nun in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour vorgestellt.
Gemeinsamkeiten statt Unterschiede
„Wir sollten nicht vergessen, wie viel wir gemeinsam haben“, mahnt Christina Felfe. Gesellschaftliche Spaltung vollzieht sich entlang kleinteiliger Unterschiede, obwohl zwischen den Menschen eine große Basis an Gemeinsamkeiten besteht, ganz gleich ihrer Herkunft. Doch auch Bildungsprogramme, die Spaltung bekämpfen sollen, setzen häufig zu stark an den Unterschieden an, die es zu überwinden gilt. Das Problem daran ist, dass die Lektionen zu den einzelnen Unterschieden von den Teilnehmer*innen oftmals nicht auf andere Bereiche verallgemeinert werden. Vereinfacht gesagt: Wer lernt, dass unterschiedliche Staatsangehörigkeiten uns nicht zu besseren oder schlechteren Menschen machen, zieht viel zu häufig nicht den Schluss, dass dasselbe auch für unterschiedliche Religionen gilt oder für Ethnien, Geschlechter, politische Überzeugungen. Bestehende Studien weisen darauf hin, dass der positive Effekt dieser Bildungsprogramme häufig nur kurzfristig anhält und die Lehren nicht „über die Türschwellen des Klassenzimmers hinaus“ getragen werden.
Das amerikanisch-deutsche Forschungsteam unter Beteiligung von Christina Felfe entwickelte daher ein Bildungsprogramm, das anstelle der Unterschiede vielmehr all das in den Mittelpunkt rückt, was uns alle verbindet: fundamentale menschliche Werte und universelle Gemeinsamkeiten. Das didaktische Schlüsselkonzept basiert darauf, diese Gemeinsamkeiten mit der menschlichen Vielfalt in Einklang zu bringen. „Unser Ansatz zeigt, dass Diversität nicht das Gegenteil von Einheit ist, sondern dass Diversität genau den Unterschied zwischen Einheit und Uniformität ausmacht“, schlussfolgert Felfe.
Das Programm baut auf drei Säulen auf: Erstens stärkt es das Bewusstsein der Teilnehmer*innen für universelle, menschliche Gemeinsamkeiten, sowohl aus biologischer als auch moralischer Perspektive. Zweitens lehrt es seine Schüler*innen, positive Umgebungen zu schaffen, die auf Einheit und Vielfalt basieren. Drittens schafft es ein Bewusstsein dafür, dass Individuen und Gemeinschaften innerhalb eines breiteren sozialen Kontexts agieren.
Erste Umsetzung in Delhi, Indien
Das Programm wurde zwischen 2023 und 2024 in einer breit angelegten Studie mit jungen Erwachsenen in Indien erstmalig umgesetzt: insgesamt 23 Lektionen, täglich 100 Minuten, für sechs Tage in der Woche, in einem Zeitraum über drei Wochen. „Indien ist ein Land, dessen Gesellschaft durch langjährige Unterschiede in Kaste, Geschlecht und Religion geprägt ist. Daher war Indien ein idealer Ort, um den Nachweis anzutreten, dass unser Bildungsprogramm tief verwurzelte diskriminierende Einstellungen überwinden kann und den sozialen Zusammenhalt stärkt“, so Felfe.
Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit der Freedom Employability Academy (FEA) umgesetzt. Diese gemeinnützige Bildungsorganisation in Indien bietet kostenlose Programme für benachteiligte Jugendliche, um deren Kompetenzen für das Berufsleben zu stärken. Die insgesamt 8.648 Teilnehmer*innen aus 644 Schulklassen (Alter: zwischen 18 und 30 Jahren) wurden in zwei Hälften aufgeteilt: Die eine Hälfte wurde mit dem neuen Bildungsprogramm unterrichtet, die andere Hälfte erhielt hingegen den regulären Unterricht der FEA.
Die Auswertung der Studie belegt: Die Teilnehmer*innen am neuen Bildungsprogramm zeigten eine nachweislich tolerantere Haltung gegenüber Menschen mit anderer gesellschaftlicher Zugehörigkeit. In ihrem Denken und Handeln wiesen sie weniger diskriminierende Einstellungen auf, und zwar nicht nur in Hinsicht auf einzelne kulturelle Merkmale wie Ethnie oder Religion, sondern in der gesamten Breite. Positives Sozialverhalten wurde gestärkt, auch über die Grenzen der sozialen Schichten hinweg, und ziviles Engagement wurde gesteigert. „Alles in allem zeigten die Teilnehmer*innen des Programmes ein positiveres Bild von der Gesellschaft und waren offener für den Kontakt mit Menschen aus anderen Gruppen“, zieht Felfe ein Fazit.
Das Bildungsprogramm wurde zwischenzeitlich fest in das Repertoire der FEA aufgenommen und wird in deren Programmen flächendeckend ausgerollt. Geschätzt 75.000 Jugendliche profitieren jährlich davon. Das Forschungsteam möchte das Programm im nächsten Schritt über die indischen Grenzen hinaustragen. „Das würde uns helfen, die Effektivität des Programmes über unterschiedliche kulturelle und soziale Kontexte hinweg zu untersuchen und das Potenzial für eine weltweite Anwendung zu erheben“, schließt Christina Felfe.
Faktenübersicht:
- Originalpublikation: Farid, M., Loyalka, P., Felfe, C. et al. Building capacity for unity in diversity. Nat Hum Behav (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41562-026-02509-1 Link: https://www.nature.com/articles/s41562-026-02509-1
- Studie mit 8.648 jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren in 644 Schulklassen und mit 204 Lehrer*innen (davon 4.152 Teilnehmer*innen, 310 Schulklassen und 102 Lehrer*innen in der Kontrollgruppe)
- Studie in Kooperation mit der Freedom Employability Academy (FEA)
- Prof. Dr. Christina Felfe ist Professorin für Applied Microeconomics an der Universität Konstanz. Sie ist Mitglied des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“. Ihre Forschung konzentriert sich auf angewandte Mikroökonomik und Verhaltensökonomik, insbesondere in den Bereichen Bildung, Arbeit und Migration. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Rolle von Institutionen, Einstellungen und Normen für die Chancengleichheit und Integration von Minderheiten, insbesondere Kindern.
Kontakt: Universität Konstanz Kommunikation und Marketing Telefon: + 49 7531 88-3603 E-Mail: kum@uni-konstanz.de
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