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Albert-Schweitzer-Verband der Familienwerke und Kinderdörfer

Aktionswoche gegen Einsamkeit: Einsamkeit beginnt oft dort, wo Unterstützung endet

Aktionswoche gegen Einsamkeit: Einsamkeit beginnt oft dort, wo Unterstützung endet
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Aktionswoche gegen Einsamkeit – 22. bis 28. Juni 2026:

Einsamkeit beginnt oft dort, wo Unterstützung endet

Anlässlich der bundesweiten Aktionswoche gegen Einsamkeit warnen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke vor den Folgen fehlender Beziehungen und frühzeitig abgebrochener Unterstützungsmaßnahmen. Expertin sieht insbesondere junge Menschen nach dem Ende von Jugendhilfemaßnahmen einem erhöhten Risiko für Einsamkeit, Überforderung und psychische Belastungen ausgesetzt.

Berlin, 18. Juni 2026. Einsamkeit wird oft als Problem älterer Menschen angesehen. Tatsächlich sind jedoch junge Erwachsene besonders stark betroffen. Gemäß dem Statistischen Bundesamt[1] empfinden Menschen zwischen 18 und 29 Jahren öfter ein Gefühl der Einsamkeit als Personen in anderen Altersgruppen in der Bundesrepublik. Das aktuelle Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung[2] zeigt gleichzeitig, dass fehlende soziale Unterstützung das Risiko für Einsamkeit deutlich erhöht, während Zugehörigkeit und verlässliche Beziehungen zu den wichtigsten Schutzfaktoren zählen.

Besonders gefährdet sind Kinder und Jugendliche, die Vernachlässigung, familiäre Konflikte oder instabile Lebensverhältnisse erleben. Für sie sind verlässliche Bezugspersonen von entscheidender Bedeutung, denn sie bieten mehr als nur emotionale Unterstützung. Sie sind die Grundlage für Vertrauen, Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe.

„Einsamkeit bedeutet nicht nur, im Kindesalter allein zu sein, das Gefühl zu haben, nicht dazuzugehören, und sich nicht auf andere verlassen zu können“, sagt Stephanie Emmrich, Leiterin des Bereichs Erziehungsstellen, Jugend und Ausbildung beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin. Die gravierendsten Probleme beginnen häufig erst, wenn Unterstützungsangebote für junge Erwachsene auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben von einem Tag auf den anderen gestrichen werden.

Fehlende Beziehungen hinterlassen Spuren. Verlässliche Beziehungen schaffen Perspektiven.

Fehlende soziale Unterstützung erhöht das Risiko für Einsamkeit deutlich[2]. Viele Betroffene, die auf die Unterstützung der Kinder- und Jugendhilfe angewiesen sind, haben bereits früh erlebt, wie belastend Unsicherheit, Beziehungsabbrüche oder soziale Isolation sind. Die Folgen reichen häufig weit über die Kindheit hinaus. Umso wichtiger sind verlässliche Bezugspersonen, die ihnen langfristig Halt und Orientierung geben. In der Kinder- und Jugendhilfe erleben viele junge Menschen zum ersten Mal, dass Erwachsene dauerhaft für sie da sind. Familienanaloge Betreuungsformen wie das Hauseltern-Prinzip bieten dabei einen Rahmen, der dem familiären Alltag möglichst nahekommt. Die Kinder und Jugendlichen erleben Zugehörigkeit, feste Strukturen und Bezugspersonen, die sie über viele Jahre hinweg begleiten. „Entwicklung und Beziehungsaufbau brauchen Zeit. Gerade junge Menschen, die bereits viele Brüche erlebt haben, brauchen Menschen, die bleiben und auf die sie sich verlassen können“, sagt die Expertin.

Die Bedeutung solcher Beziehungen wird häufig unterschätzt. Fragen nach Familie, Herkunft und Zugehörigkeit begleiten viele Kinder und Jugendliche über Jahre hinweg. Selbst wenn belastende Lebenssituationen überwunden werden, bleibt das Bedürfnis nach verlässlichen Bindungen bestehen.

Wenn Jugendhilfe endet, entsteht eine gefährliche Lücke

Die Situation ist besonders kritisch für junge Menschen, die stationäre Hilfen verlassen und den Schritt in ein eigenständiges Leben bewältigen müssen. In der Fachwelt werden sie als „Care-Leaver” bezeichnet. Während junge Erwachsene in Deutschland im Durchschnitt bis zu ihrem 24. Lebensjahr im Elternhaus leben,[3] und auf familiäre Unterstützung zurückgreifen können, endet die Unterstützung in der stationären Jugendhilfe in der Regel mit 18 Jahren. Auf Antrag wird Hilfe für junge Volljährige noch bis zum 21. Lebensjahr bewilligt, nur selten und unter besonderen Voraussetzungen darüber hinaus. „Wir erwarten von jungen Menschen aus der Jugendhilfe eine Selbstständigkeit, die wir von unseren eigenen Kindern niemals verlangen würden”, folgert Emmrich. „Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg, Wohnungssuche, finanzielle Absicherung und Aufbau eines eigenen sozialen Netzwerks: Viele Care-Leaver müssen in einer der herausforderndsten Lebensphasen plötzlich allein zurechtkommen, während Gleichaltrige noch auf ihre Familien zählen können.“

Aus Sicht der Pädagogin entsteht hier eine strukturelle Benachteiligung. Die Unterstützung ende oftmals nicht dann, wenn ein junger Mensch sie nicht mehr benötige, sondern wenn gesetzliche oder finanzielle Grenzen erreicht seien. „Entwicklung orientiert sich nicht am Geburtstag. Dennoch erleben wir immer wieder, dass Hilfen enden, obwohl junge Menschen weiterhin Begleitung brauchen“, stellt die Expertin fest.

Forschungsergebnisse aus dem Care-Leaving-Bereich zeigen, dass soziale Netzwerke und langfristige Beziehungen entscheidende Faktoren für die Zeit nach dem Auszug sind. Fehlen diese Ressourcen, steigt das Risiko für psychische Belastungen, mangelnde soziale Einbindung und prekäre Lebenslagen[4]. Die Folgen seien in der Praxis deutlich sichtbar. Gerade in der Phase nach dem Ende einer Jugendhilfemaßnahme beobachteten Fachkräfte immer wieder Einsamkeit, Überforderung und psychische Krisen. Nicht selten komme es zu depressiven Entwicklungen oder zum Abbruch zuvor erfolgreicher Bildungs- und Lebenswege.

Ehrenamt wird zum gesellschaftlichen Lückenbüßer und stillschweigend vorausgesetzt

Damit junge Menschen nach dem Ende der Jugendhilfe nicht auf sich allein gestellt sind, übernehmen viele Hauseltern und pädagogische Fachkräfte die weitere Begleitung oft ehrenamtlich. Die Hilfe ist offiziell abgeschlossen, die Finanzierung beendet und neue Kinder rücken in den Einrichtungen nach. Dennoch bestehen viele mühsam aufgebaute Beziehungen zu Care-Leavern oft weit über das Ende der Jugendhilfe hinaus. „Das geschieht aus persönlichem Engagement – nicht, weil es dafür eine verlässliche Struktur gäbe“, berichtet Emmrich. Diese zusätzliche Begleitung erfolge häufig neben dem regulären Arbeitsalltag und obwohl freiwerdende Plätze unmittelbar wieder mit neuen Kindern und Jugendlichen belegt würden. Fachkräftemangel und steigender Unterstützungsbedarf verschärften die Situation zusätzlich. „Spätestens mit 21 endet in der Regel die Hilfe. Das funktioniert so nicht. Da haben wir eine absolute Lücke im System“, konstatiert die Pädagogin. Wenn ein 17-Jähriger, der vorher rund um die Uhr betreut wurde, mit Erreichen der Volljährigkeit in eine Jugend-WG ziehen solle, sei eine Zeit der fortlaufenden Begleitung notwendig. „Mit Brief und Siegel kann ich sagen, dass er sonst ein Jahr später nicht in der Lage sein wird, in eine eigene Wohnung zu ziehen“, sagt Emmrich.

Lösung aus der Praxis: „Wurzeln & Flügel“ schließt eine Versorgungslücke

Um diese Lücke zumindest teilweise auszugleichen, hat das Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin e. V. das Projekt „Wurzeln & Flügel“ für und mit Care-Leavern entwickelt. Catharina Woitke, Vorständin des Kinderdorfs, initiierte das Projekt, um jungen Erwachsenen auch nach Ende der Jugendhilfe Ansprechpersonen, Austauschmöglichkeiten und konkrete Unterstützung anbieten zu können. Entstanden ist das Projekt aus der praktischen Erfahrung heraus, dass viele junge Menschen auch nach dem Ende einer Maßnahme weiterhin Hilfe benötigen.

Emmrich beschreibt dies am Beispiel einer jetzt 21-jährigen Care-Leaverin: Die junge Frau war seit ihrem fünften Lebensjahr in der Kinder- und Jugendhilfe. Mit Ende der Finanzierung musste sie ausziehen und ihr soziales Umfeld von heute auf morgen aufgeben. Infolge des Übergangsprozesses fiel sie in eine schwere depressive Krise, die durch den Jugendhilfeträger ehrenamtlich aufgefangen wurde. Dieser Fall steht exemplarisch für eine Versorgungslücke, die Fachkräfte bundesweit beobachten. „Die Hilfe endet auf dem Papier. Im Leben vieler junger Menschen endet der Hilfebedarf jedoch nicht. Eine Lücke, die von unserem Fachpersonal ohne finanzielle Unterstützung und damit ehrenamtlich geschlossen wird“, sagt Emmrich und schließt mit der Forderung: „Um Einsamkeit und Rückschläge in der Lebensbiografie junger Menschen zu vermeiden, brauchen wir mehr Fachkräfte und auch die finanziellen Möglichkeiten, junge Menschen länger und individueller zu begleiten.“

Einsamkeit ist auch ein Thema des Kinderschutzes

Anlässlich der Aktionswoche gegen Einsamkeit, initiiert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit dem Kompetenznetz Einsamkeit (KNE), fordern die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke deshalb mehr Aufmerksamkeit für die Situation von Care-Leavern sowie verlässlich finanzierte Unterstützungsangebote beim Übergang ins Erwachsenenleben. Denn Einsamkeit entsteht oft dort, wo Beziehungen verloren gehen – und genau dort muss Prävention ansetzen. „Einsamkeit entsteht dort, wo Beziehungen fehlen. Die Kinder- und Jugendhilfe schafft solche Beziehungen, beendet ihre Unterstützung aber systembedingt häufig genau dann, wenn junge Menschen sie noch brauchen. Die Folgen reichen von Einsamkeit bis hin zu depressiven Entwicklungen. Weil das System diese Lücke nicht ausreichend schließt, entstehen ehrenamtliche Projekte wie ‚Wurzeln & Flügel‘“, sagt Emmrich.

Über die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke

In den bundesweit rund 480 Einrichtungen der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke werden Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, dabei unterstützt, tragfähige Beziehungen aufzubauen und soziale Zugehörigkeit zu erleben. Gerade für junge Menschen, die Vernachlässigung, Beziehungsabbrüche oder instabile Familienverhältnisse erlebt haben, sind verlässliche Bezugspersonen ein wichtiger Schutzfaktor gegen soziale Ausgrenzung und Einsamkeit. In der pädagogischen Praxis bedeutet das konkret, dass Kinder und Jugendliche langfristig begleitet werden, feste Ansprechpersonen haben und in Gemeinschaften aufwachsen, die ihnen Sicherheit und Orientierung bieten. Ob in Kinderdorffamilien, Erziehungsstellen, Wohngruppen oder bei ambulanten Hilfen – das Ziel ist immer dasselbe: jungen Menschen die Erfahrung zu ermöglichen, dass Beziehungen verlässlich sein können und sie Teil einer Gemeinschaft sind.

Seit 68 Jahren unterstützen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke hilfsbedürftige Menschen in Deutschland. Der Bundesverband koordiniert zehn Mitgliedsvereine, die bundesweit rund 480 Einrichtungen betreiben. Mehr als 2.500 Mitarbeiter*innen sorgen täglich dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien ein sicheres und förderliches Umfeld erhalten.

Angebot für redaktionelle Hintergrundgespräche:

Stephanie Emmrich, Leitung Erziehungsstellen, Jugend und Ausbildung beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf Berlin

T: +49 (030) 43 19 761 | E-Mail: Stephanie.Emmrich@kinderdorf-berlin.de

Weitere Informationen und Kontakt:

www.albert-schweitzer-verband.de

Pressekontakt: Sabrina Banze, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

T: +49 (030) 20 64 91 86 | E-Mail: sabrina.banze@albert-schweitzer.de

[1] Statistisches Bundesamt (Destatis), 2026; Personen ab 10 Jahren, die sich oft einsam fühlen 2022

[2] Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ); Einsamkeitsbarometer 2024, S. 46.

[3] Statistisches Bundesamt (Destatis), 2025; Menschen in Deutschland ziehen im Alter von 23,9 Jahren bei den Eltern aus

[4] Verbund Care Leaver Statistics, 2025. Teilhabe und Zukunftswünsche, Ergebnisse der ersten Befragungswelle der CLS-Studie.

Jeschenko MedienAgentur Köln GmbH
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