Albert-Schweitzer-Verband der Familienwerke und Kinderdörfer
Internationaler Frauentag: Gewalt gegen Frauen trifft auch Kinder
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Internationaler Frauentag:
Gewalt gegen Frauen trifft auch Kinder
Frauenschutz ist präventiver Kinderschutz: Expertin der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke fordert mehr frühe Hilfen und verbindliche Finanzierung
Berlin, 3. März 2026. Gewalt gegen Mütter ist kein isoliertes Delikt – sie betrifft immer auch Kinder. Wo Frauen Gewalt erfahren, geraten auch ihre Kinder physisch und psychisch in Gefahr. Darauf macht der Bundesverband der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März aufmerksam. „Wir investieren viel zu spät in den Schutz und viel zu wenig in die Prävention“, sagt Maike Seufer, die beim Albert-Schweitzer-Kinderdorf e.V. Baden-Württemberg im Frauen- und Kindeschutzhaus arbeitet und darüber hinaus für die Mobile Beratung von Frauen bei häuslicher Gewalt im Hohenlohekreis zuständig ist. Die Einrichtung ist Teil der bundesweit tätigen Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke mit rund 550 Einrichtungen und Angeboten für mehr als 21.000 Kinder und Jugendliche. „Wer als Kind erlebt, dass Konflikte mit Gewalt gelöst werden, speichert dieses Muster ab, sofern wir nicht gezielt gegensteuern.“
Hohe Dunkelziffer bei Partnerschaftsgewalt – Kinder leiden im Verborgenen mit
Zahlen des Bundeskriminalamts im Bundeslagebild „Häusliche Gewalt“[1] zeigen, dass Gewalttaten überwiegend im familiären und partnerschaftlichen Umfeld stattfinden. Mit über 250.000 registrierten Fällen erreichten polizeilich erfasste Fälle häuslicher Gewalt 2024 einen neuen Höchststand. Hierzu betont Seufer, dass sich die wenigsten Opfer dazu entscheiden, den Täter anzuzeigen: „Auch wenn es einen Polizeieinsatz gab und die Tat erfasst ist, stellen die Betroffenen nur selten Strafantrag.“ Die aktuelle Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA)[2] des Bundeskriminalamtes bestätigt: Bei psychischer und körperlicher Partnerschaftsgewalt erstatten unter 5 Prozent der Betroffenen Anzeige.
Zugleich zeigen Forschungen, dass Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden oder diese miterleben, ein deutlich erhöhtes Risiko tragen, selbst Gewaltmuster zu internalisieren oder später erneut in gewaltgeprägte Beziehungen zu geraten. Die LeSuBiA-Studie[2] unterstreicht diesen Zusammenhang: Gewalt in Familien ist kein Einzelfall, sondern tritt strukturell auf. Kinder, die Gewalt zwischen den Eltern erleben, sind signifikant häufiger selbst von körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt betroffen. Die Zahlen machen deutlich: Kinder sind bei Partnerschaftsgewalt keine unbeteiligten Zeuginnen und Zeugen – sie sind selbst Betroffene. Gewalt geschieht dort, wo Kinder eigentlich behütet aufwachsen sollten.
Gewalt im Elternhaus prägt Lebenswege
Forschungen des Deutschen Jugendinstituts (DJI)[3] belegen, dass Gewalterfahrungen in der Kindheit die Wahrscheinlichkeit, später selbst Gewalt auszuüben, statistisch erhöhen und langfristige Auswirkungen auf die emotionale und soziale Entwicklung haben. „Gewalterfahrungen wirken sich unterschiedlich aus – je nach Alter und Geschlecht“, erklärt Seufer. „Einige Kinder entwickeln eine erhöhte Gewaltbereitschaft, weil sie nie gelernt haben, Konflikte anders zu lösen. Bei Mädchen beobachten wir häufiger, dass sie später wieder in gewaltgeprägte Beziehungen geraten.“ Ohne frühzeitige Intervention besteht die Gefahr, dass sich diese Muster über Generationen hinweg fortsetzen. Präventiver Gewaltschutz bedeutet daher auch immer, Gewaltkreisläufe zu durchbrechen. Viele Kinder, die später in stationäre Einrichtungen der Jugendhilfe aufgenommen werden müssen, stammen aus Haushalten, in denen häusliche Gewalt eine Rolle spielte. Oft geht einer Inobhutnahme durch das Jugendamt eine Phase massiver Belastung für Mutter und Kinder voraus.
Schutzräume verhindern Eskalation – aber Prävention muss früher ansetzen
In Frauen- und Kinderschutzhäusern erleben Kinder oft erstmalig Sicherheit, Struktur und verlässliche Beziehungen. „Für viele Kinder ist es das erste Mal, dass sie ohne Angst schlafen können“, so Seufer. „Niemand erhebt die Hand, wenn sie etwas falsch machen. Frauen und ihre Kinder, die im Alltag oft unter permanenter Anspannung leben, erfahren dort erstmals ein Gefühl von Erleichterung und Schutz.“ Besonders bei den Kindern sei zu beobachten, dass sie schnell in einen Zustand von Entspannung kommen, wenn die akute Bedrohung wegfällt.
Allein im Jahr 2025 begleitete Seufer in der Mobilen Beratung 95 Fälle häuslicher Gewalt, in denen 165 Kinder direkt oder indirekt betroffen waren. Etwa die Hälfte dieser Fälle war den Behörden bekannt – bei einem Drittel der Fälle wurde das Mobile Beratungsangebot von der Polizei vermittelt, nachdem es zu Einsätzen wegen häuslicher Gewalt kam. Gleichzeitig sieht sie strukturelle Probleme: „Häusliche Gewalt ist in vielen gesellschaftlichen Schichten noch immer ein toleriertes Verhalten – insbesondere psychische Gewalt.“ Hinzu komme die sogenannte Nachtrennungsgewalt. „Gewalt endet nach einer Trennung nicht zwangsläufig. Über das Umgangsrecht entstehen neue Abhängigkeiten. Frauen müssen den Kindeskontakt zum gewalttätigen Partner ermöglichen und geraten erneut in eine Kontakt- und Gewaltspirale.“ Gleichzeitig sehen sich betroffene Frauen oft mit einer Täter-/Opfer-Umkehr konfrontiert. „Wir erleben häufig, dass betroffenen Frauen indirekt eine Mitschuld zugeschrieben wird, weil sie sich nicht frühzeitig zum Schutz des Kindeswohls aus toxischen Beziehungen gelöst haben. Wer Gewalt ausübt, ist verantwortlich – nicht die Frau, die Schutz sucht“, betont Seufer.
Prävention statt Eskalation: Gewaltspiralen durchbrechen – Rollenbilder verändern
Präventiver Kinderschutz bedeutet mehr als nur die akute Gefahrenabwehr. In der pädagogischen Arbeit geht es darum, Gewaltmuster frühzeitig zu erkennen und alternative Strategien zur Konfliktlösung zu vermitteln. Wirksame Vorbeugung beginne nicht erst bei der Inobhutnahme, betont Seufer. „Es bräuchte viel mehr Prävention und Aufklärung in früheren Stufen. Wir müssen an die Kitas, wir müssen an die Schulen. Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das sich durch alle sozialen Schichten zieht. Ich habe die Lehrerin genauso in der Beratung wie die Anwältin oder die Frau, die von Bürgergeld lebt.“ Präventive Schutzmaßnahmen von Frauen würden strukturell in doppelter Hinsicht wirken: Einerseits würde eine akute Gefährdung unterbrochen, andererseits könnte verhindert werden, dass Kinder aus ihrem familiären Umfeld herausgenommen werden müssen.
Wenn bei Prävention gespart wird, zahlen Kinder den Preis
Frühe Unterstützungsangebote, sozialpädagogische Familienhilfe und Anti-Aggressionstrainings seien jedoch häufig freiwillige Leistungen und vielerorts unterfinanziert oder von Kürzungen betroffen. „An der Stelle, an der Betroffene Unterstützung bekommen könnten, wird gespart. Dabei entscheidet sich genau dort, ob ein Kind später mit traumatischen Erlebnissen zu kämpfen haben wird oder nicht.“ Als einer der größten Träger der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland haben die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke täglich mit den Folgen von häuslicher Gewalt zu tun.
Seufer fordert daher einen deutlich verbesserten Zugang zu Frauenhausplätzen sowie eine verlässliche Finanzierung von Beratungs- und Präventionsangeboten. Es brauche ausreichend qualifiziertes Personal, das betroffene Frauen und ihre Kinder engmaschig begleitet, ebenso wie mehr ambulante Hilfen durch die Jugendämter, damit sozialpädagogische Familienhilfe frühzeitig und verbindlich greife. Vor diesem Hintergrund sieht Seufer einen strukturellen Widerspruch zwischen politischem Anspruch und tatsächlicher Finanzierungspraxis: „Wir haben gesetzlich verankerte Schutzansprüche – aber gleichzeitig werden präventive und freiwillige Leistungen gekürzt. Das widerspricht sich fundamental.“ Gerade Angebote, die Eskalationen verhindern könnten, seien häufig nicht verpflichtend finanziert. „Wenn wir erst handeln, wenn Kinder in Obhut genommen werden müssen, haben wir als Gesellschaft bereits versagt.“
Besonders dringend sei zudem der konsequente Ausbau von Täterarbeit. „Wenn eine Frau sich trennt, endet Gewalt nicht automatisch. Ohne verpflichtende Täterarbeit verlagert sich das Problem häufig und die nächste Partnerin ist betroffen. Wer Frauenschutz ernst meint, muss auch strukturell handeln“, ergänzt Seufer.
Frauenschutz ist Zukunftsschutz
Der Internationale Frauentag stellt die Situation von Frauen und Mädchen in den Fokus, erinnert an Frauenrechte und fordert sowohl echte Gleichstellung als auch den Schutz vor Gewalt. Für die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke steht fest: Frauenrechte sind kein isoliertes gesellschaftspolitisches Thema, sondern bilden das Fundament für wirksamen Kinderschutz. Dieser beginnt dort, wo Gewalt frühzeitig erkannt, beendet und Betroffene konsequent geschützt werden. „Wer Frauen schützt, schützt Kinder – und investiert in eine gewaltfreie Zukunft“, sagt Seufer.
Über die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
Seit 69 Jahren unterstützen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke hilfsbedürftige Menschen in Deutschland. Der Bundesverband koordiniert zehn Mitgliedsvereine, die bundesweit rund 500 Einrichtungen betreiben. Mehr als 2.500 Mitarbeiter*innen sorgen täglich dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien ein sicheres, förderliches Umfeld erhalten.
[1] Bundeslagebild Häusliche Gewalt 2024, Bundeskriminalamt (BKA)
[2] Dunkelfeldstudie 2026 – Gewaltbelastungen in Deutschland, Bundesministerium des Innern / Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN)
[3] Baier, Dirk; Pfeiffer, Christian u. a., DJI (2022): Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – Formen, Folgen und Prävention
Angebot für redaktionelle Hintergrundgespräche:
Maike Seufer, Albert-Schweitzer-Kinderdorf e.V., Frauen und Kinderschutzhaus Hohenlohekreis
T: +49 (07940) 58 95 4 | E-Mail: maike.seufer@albert-schweitzer-kinderdorf.de
Weitere Informationen und Kontakt:
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