Albert-Schweitzer-Verband der Familienwerke und Kinderdörfer
Weltgesundheitstag 2026: Psychische Belastungen bei Kindern nehmen weiter zu
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Weltgesundheitstag 2026:
Psychische Belastungen bei Kindern nehmen weiter zu
Mentale Gesundheit beginnt mit Sicherheit – Expertin fordert besseren Zugang zu Hilfe, mehr Prävention und ausreichende Ressourcen für Familien.
Berlin, 2. April 2026. Psychische Gesundheit entsteht nicht erst in Therapie oder Behandlung – sie beginnt im Alltag von Kindern. Tragfähige Beziehungen, sichere Bindungen und stabile Lebensbedingungen sind zentrale Voraussetzungen für eine gesunde seelische Entwicklung. Doch für viele Kinder fehlt genau dieses Fundament. Die Fallzahlen von Kindeswohlgefährdungen steigen. Darauf machen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke anlässlich des Weltgesundheitstags am 7. April aufmerksam.
Die Organisation betreibt bundesweit rund 500 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Familien. Hier werden die Folgen fehlender Stabilität im Alltag von Kindern unmittelbar sichtbar. „Psychische Gesundheit von Kindern braucht stabile Beziehungen. Kinder entwickeln emotionale Stärke vor allem dort, wo sie sich sicher fühlen und verlässliche Bezugspersonen haben”, erklärt Katja Prus, Diplompsychologin und Fachberaterin beim Albert-Schweitzer-Familienwerk Mecklenburg-Vorpommern. Steigende Fallzahlen von Kindeswohlgefährdungen spiegeln sich auch in der Praxis der Einrichtungen wider. „Uns erreichen immer mehr Anfragen von Jugendämtern und die Kinder bringen immer komplexere Bedürfnislagen mit. Für alle Kinder, die in unsere stationären Einrichtungen aufgenommen werden, gilt, dass sie zuvor längere Phasen emotionaler Unsicherheit, instabiler Lebensverhältnisse oder fehlender verlässlicher Bezugspersonen erlebt haben“, so Prus. In den aktuellen Erhebungen für das Jahr 2024 stiegen die Fallzahlen akuter Kindeswohlgefährdung aufgrund von Vernachlässigung im Vergleich zum Vorjahr um knapp 20 Prozent auf 24.172[1] – ein historischer Höchststand.
Zunahme psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen
Aktuelle Studien belegen, dass psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen haben. Laut der COPSY-Studie[2] des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigt weiterhin rund ein Drittel der jungen Menschen in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Auch der DAK-Kinder- und Jugendreport 2025[3] weist auf eine wachsende Zahl psychischer Erkrankungen hin. Am häufigsten werden Depressionen, Angststörungen und Anpassungsstörungen diagnostiziert. Darüber hinaus zeigen Analysen des Robert-Koch-Instituts[4], dass soziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Demnach sind Kinder und Jugendliche, die in Armut oder unter schwierigen Lebensbedingungen aufwachsen, deutlich häufiger von gesundheitlichen und psychischen Belastungen betroffen. Für Fachleute ist deshalb klar: Psychische Gesundheit entsteht nicht isoliert, sondern im sozialen Umfeld von Kindern.
Frühe Hilfe statt später Therapie: Strukturen reichen nicht aus
Aus Sicht der Praxis besteht hier erheblicher Handlungsbedarf. Prus betont insbesondere die Notwendigkeit eines deutlich besseren Zugangs zu schulpsychologischen Angeboten. „Pädagogische Fachkräfte nehmen Auffälligkeiten bei Kindern oft früh wahr. Aber der Zugang zum schulpsychologischen Dienst ist häufig zu langsam oder nicht ausreichend verfügbar. Hier verlieren wir wertvolle Zeit.“ Gleichzeitig sieht sie Defizite in der Versorgung von Familien. Der Weg über Hausärzte und die anschließende Vermittlung zu Therapieplätzen sei langwierig und könne sich über Monate oder sogar Jahre hinziehen. „In dieser Zeit bleiben Kinder und Familien oft ohne ausreichende Unterstützung. Freie Träger schließen diese Lücke mit Beratungsangeboten, die jedoch vielerorts unterfinanziert sind.“ Prus plädiert daher für einen deutlichen Ausbau präventiver Angebote: „Wir müssen Eltern früher erreichen und unterstützen. Psychische Gesundheit darf nicht erst dann Thema werden, wenn bereits eine Erkrankung vorliegt.“
Wachsende Belastung im Alltag von Kindern und Familien
Als zentrale Ursache für die zunehmenden psychischen Belastungen sieht Prus ein wachsendes Stresslevel in Familien – über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg. „Kinder wachsen heute in einem von Leistungsdruck und hohen Erwartungen geprägten Umfeld auf – sowohl in der Schule als auch im sozialen Umfeld. Das betrifft auch die Eltern, die selbst unter Druck stehen und diesen oft ungewollt weitergeben“, erklärt sie. Verstärkt werde dies durch gesellschaftliche Optimierungsanforderungen, die unter anderem über soziale Medien vermittelt werden. Umso wichtiger sei es, frühzeitig gegenzusteuern. „Wir müssen psychische Belastungen erkennen, bevor sie sich verfestigen. Dafür braucht es niedrigschwellige und schnell verfügbare Unterstützungsangebote“, so Prus. Dabei sieht die Diplompsychologin mit 15-jähriger Berufserfahrungen in der Kinder- und Jugendhilfe auch Eltern in einer zentralen Rolle: Sie müssten frühzeitig Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder wahrnehmen, emotionale Stabilität geben und im Zweifel Unterstützung in Anspruch nehmen. „Eltern sind die wichtigsten Bezugspersonen. Sie müssen Veränderungen früh erkennen, Halt geben und bei Bedarf Unterstützung suchen.“
Erfahrungen aus der Praxis: Enge Bezugssysteme als Schutzfaktor
„Für Kinder ist es entscheidend, dass sie dauerhafte Bindungen zu ihren Eltern, Bezugspersonen oder pädagogischen Fachkräften erleben“, sagt Prus. Gerade in belastenden Lebenssituationen könne eine verlässliche Bindung der wichtigste Schutzfaktor sein. Ein sicheres Umfeld, verlässliche Betreuung, emotionale Unterstützung und klare Strukturen sind entscheidend für die körperliche und seelische Entwicklung von Kindern. Fehlen solche stabilen Bezugspunkte über längere Zeit, steigt das Risiko für psychische Erkrankungen deutlich.
Die Fachkräfte der Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke erleben in ihrer täglichen Arbeit, wie wichtig konstante Begleitung für die Entwicklung von Kindern ist. Erst wenn Kinder Vertrauen aufbauen, können sie beginnen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln. Gleichzeitig zeigt die Praxis, wie sensibel diese Prozesse sind: „Nach Besuchen im familiären Umfeld fallen einige Kinder und Jugendliche wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Das zeigt, wie stark frühere Erfahrungen nachwirken und wie wichtig stabile, verlässliche Beziehungen im Alltag sind“, erklärt Prus. Gerade familienanaloge Betreuungsformen, wie sie in den Albert-Schweitzer-Kinderdörfern und Familienwerken praktiziert werden, können dabei eine wichtige Rolle spielen. Dort werden Kinder dauerhaft von festen Bezugspersonen begleitet. Die Kinder wachsen in Kinderdorffamilien mit dauerhaft präsenten Hauseltern auf. Diese Kontinuität schafft ein Umfeld, das emotionale Entwicklung fördert und neue Perspektiven eröffnet.
Psychische Gesundheit beginnt im Alltag
Der Weltgesundheitstag lenkt in diesem Jahr die Aufmerksamkeit weltweit auf die Bedeutung mentaler Gesundheit. Für die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke steht fest: Prävention muss früh ansetzen. „Psychische Gesundheit beginnt mit Geborgenheit“, betont Prus. Kinder bräuchten stabile Beziehungen, verlässliche Strukturen und Erwachsene, die ihnen Orientierung gäben. Investitionen in frühe Unterstützung und stabile Lebensbedingungen sind demnach Investitionen in die psychische Gesundheit der nächsten Generation.
Über die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke
Seit 69 Jahren unterstützen die Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und Familienwerke hilfsbedürftige Menschen in Deutschland. Der Bundesverband koordiniert zehn Mitgliedsvereine, die bundesweit rund 500 Einrichtungen betreiben. Mehr als 2.500 Mitarbeiter*innen sorgen täglich dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien ein sicheres, förderliches Umfeld erhalten.
[1] Statistisches Bundesamt (Destatis), 2026; Stat. ü. d. Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung
[3] DAK Kinder- & Jugendreport 2025, Angststörungen
[4] Robert Koch Institut, Ergebnisse der KIDA-Studie, Juni 2025
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