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30.09.2005 – 19:32

Westfalenpost

Westfalenpost: Ein freudiger Tag. Überwiegend. 3. Oktober: Feiertag, nicht nur freier Tag

    Hagen (ots)

Von Bodo Zapp

    Tag der deutschen Einheit- für viele ist das nicht mehr als ein willkommener freier Tag, an dem Politiker Reden über Deutschland halten. Großes Bürgerfest in Potsdam, die übliche Feiermeile rund um das Brandenburger Tor: Ist das nicht eher ein Tag für die Menschen "drüben", wie man früher sagte? Richtig ist: 15 Jahre deutsche Einheit sind auch für uns im Westen ein großartiger Anlass zur Freude. Wegen einiger unbestritten negativer Entwicklungen sollte nicht der Blick für das Ganze verloren gehen. Sicher ist manches schief gelaufen beim Zusammengehen von Ost und West. Man mag sagen, dass es ohne die friedliche Revolution von 1989 manchen hier zu Lande möglicherweise finanziell etwas besser ginge. Garantiert ist das nicht. Auch ohne den Kraftakt der Einheits-Bewältigung hätten in der "alten" Bundesrepublik Reformen angestanden. Aber in einem besseren Deutschland, in einem so sicheren Europa geöffneter Grenzen wie jetzt, würden wir bestimmt nicht leben. Wirtschaft nicht alles Wirtschaftlich gesehen hat die Einheit wie der folgende Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks neue Märkte und neue Gewinnchancen eröffnet. Neue Konkurrenten allerdings auch. Doch Wirtschaft ist nicht alles. Das Ziehen in der Magengrube bei Gedanken an die "Zone", die Toten an der Grenze zwischen beiden deutschen Staaten, entwürdigende Behandlung der Reisenden durch DDR-Grenzer, der Stasi- und Spitzel-Staat - freuen wir uns uneingeschränkt, dass diese Zeiten vorbei sind. Menschen sind vergesslich. Die Wessis und die Ossis, sie sind vereint, verstehen sich aber nicht immer richtig. Hier die Klage über den Milliarden-Schluckapparat im Osten, dort das Gefühl, dass man ihnen nur Einheits-Fahrkarten zweiter Klasse zubilligen mag. Die Wirklichkeit ist kompliziert. Wenn bis zum Jahre 2019 im Rahmen des Solidarpakts II über 150 Milliarden Euro in die neuen Länder fließen sollen, ist die Frage nach der Notwendigkeit legitim. Manche Städte im Westen wären glücklich, wenn sie auch nur annähernd so viel Geld zur Verfügung hätten wie Gemeinden im Osten. Es wäre jedoch falsch zu sagen, der Milliardentransfer habe sich weitgehend als Fehlinvestition erwiesen. Das DDR-Grau ist raus, die Infrastruktur teilweise besser als hier, und es blüht tatsächlich in einigen Landschaften. Nicht in allen, das ist im Westen nicht anders. Nur ist es an der Zeit, den Finanztropf gezielter einzusetzen. Und irgendwann muss dann auch Schluss sein mit dem großen Geldfluss. Bundespräsident Köhler hatte Recht, als er sagte, dass in Deutschland nicht alle Unterschiede in Lebensverhältnissen eingeebnet werden können. Zukunftsaufgabe Falsch wäre, den Menschen im Osten Undankbarkeit vorzuwerfen. Von einzelnen, auch den SED-Nachfolgern, sollte nicht auf die Allgemeinheit geschlossen werden. Auch dort wird fleißig gearbeitet, sofern Arbeit da ist. Richtig ist, dass die Anspruchshaltung auf staatliche Allversorgung, die zum Staatsbankrott führte, noch zu weit verbreitet ist. Arbeit schaffen, das muss die große Zukunftsaufgabe sein. Dieses Ziel verbindet Ost und West. Manchmal hat man den Eindruck, dass es auch nach 15 Jahren noch mehr Trennendes als Gemeinsames gibt. Jedenfalls mehr als zwischen Nord und Süd. Es gilt, gegenseitige Vorbehalte abzubauen. Besuche helfen. Keine Tiefenwirkung Dass auch das Abschneiden von Angela Merkel, der Frau aus dem Osten, mit diesen Vorbehalten in Verbindung gebracht werden kann, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Für viele Jüngere, das sollte beachtet werden, ist das Thema "Ihr und Wir" allerdings jenseits der eigenen Lebenserfahrung. Sie sind im zusammen gewachsenen Deutschland aufgewachsen, für sie ist klar: Wir sind ein Land. Dem Tag der Einheit fehlt die emotionale Tiefenwirkung, wie sie vom Mauerfall-Tag 9. November 1989 ausgeht, als sich Menschen in den Armen lagen, weinend vor Glück. Aber der 3. Oktober ist ein guter Tag des Erinnerns, ein freudiger Tag deutscher Geschichte.

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