Freie Ärzteschaft: Olympiade der Sparvorschläge wird die Medizin in Deutschland nicht retten
Hamburg/Essen (ots)
Das drohende Defizit der gesetzlichen Krankenkassen ruft in Deutschland seit Monaten einen Überbietungswettbewerb an Sparideen zu Lasten von Praxen und Kassenmitgliedern auf den Plan. Primärarztsystem, Steuerung durch Kassenmitarbeiter, Behandlung durch Schwester Agnes, Streichen von Zahnbehandlungen, Ausräubern der Arztbudgets, Einkassieren von jahrelangen Versprechungen für Hausarzt- und Kinderarztpraxen, Eintrittsgelder für die Praxen, alberne Wartezeit-Garantien für Facharztbesuche, Abschaffung von Leistungen für Ältere, und zuletzt der zweifelhafte Vorschlag, Sparern die Kapitalerträge auch noch mit Kassenbeiträgen zu belegen.
Neuer Griff in die Taschen der Versicherten geplant!
"Krankenkassenvertreter, Politik und Verbandsvertreter überbieten sich geradezu mit Ideen für neue Grausamkeiten gegenüber Patienten und Praxen", kritisiert Allgemeinärztin Dr. Silke Lüder, Vorstand der Freien Ärzteschaft heute in Hamburg. "Dabei bezahlen die gesetzlich Versicherten in Deutschland schon jetzt hohe Kassenbeiträge. Und nur 16 % ihrer Beiträge finanzieren das ganze ambulante System, welches 97 % aller Krankheitsfälle behandelt. In nahezu keinem anderen Land gibt es - noch - ein so effizientes und hochqualifiziertes System von Fachärzten für Allgemeinmedizin und Innere Medizin in Hausarztpraxen und direktem Zugang zu allen spezialisierten Fachärzten", so Lüder weiter. Zu Onkologen, Radiologen, Gastroenterologen, Lungenfachärzten, Kardiologen, Orthopäden, Diabetologen, Gynäkologen, Kinderärzten, Dermatologen, Endokrinologen, Strahlentherapeuten, Psychotherapeuten und anderen ambulanten Arztgruppen. "In fast allen anderen Ländern der Welt existieren ambulant nur Hausarztpraxen, in denen man oft nur die Krankenschwester zu Gesicht bekommt. In Deutschland sind alle spezialisierten Fachgebiete, die es früher nur in den Kliniken gab, ins ambulante System gewandert, und werden aus dem gedeckelten Budget bezahlt. Die einzelnen Leistungen sind im internationalen Vergleich dabei extrem unterfinanziert, was zunehmenden Ärztemangel zur Folge hat", erklärt Lüder. "Dennoch: Hausärzte erreicht man meist am gleichen Tag, Wartezeit auf Facharzttermine im Durchschnitt 4 Wochen, das sind weltweit kurze Spitzenwerte. Aber das deutsche System wird so lange schlechtgeredet, bis es sich irgendwann an das niedrigere internationale Niveau angepasst hat", kritisiert die Allgemeinärztin.
Ambulanter Sektor in Deutschland effizient und kostengünstig!
"Was die Finanzierung betrifft: Von den 320 Milliarden Euro Kasseneinnahmen erreichen nur 50 Milliarden den ambulanten Sektor. 55 Milliarden landen inzwischen bei Arzneimitteln, und alleine 60 Milliarden bei den versicherungsfremden Leistungen, die nichts mit direkter Krankenbehandlung zu tun haben. Dies ist die Folge der Gesundheitspolitik der letzten Jahrzehnte, die die Politik ändern müsste! Der Staat müsste die versicherungsfremden Leistungen als staatliche Daseinsfürsorge aus Steuergeldern zahlen", verlangt Wieland Dietrich, Vorsitzender der Freien Ärzteschaft und Dermatologe in Essen. "Steuererhöhungen auf Zucker, Tabak und Alkohol wären auch sinnvoll". Durch diese Maßnahmen könnten ambulante Haus-, Facharzt- und Psychotherapiepraxen endlich gestärkt werden, so dass in einem ersten Schritt 100 % ihrer Leistungen bezahlt werden - was bisher mitnichten der Fall sei, so Dietrich. "Es wären dann auch ohne weiteres genug Mittel da, die steigende Krankheitslast durch die Alterung der Bevölkerung abzufangen, und das überfällige Primat 'ambulant vor stationär' endlich umzusetzen, was hohe stationäre Kosten sparen kann". Wenn das allerdings nicht passiere, dürfe man sich über eine Verschlechterung der Medizin, mehr vermeidbare Klinikbehandlungen und immer mehr ambulante Privatmedizin nicht wundern. "Wir als Freie Ärzteschaft beteiligen uns an unsinnigen Sparvorschlägen und Steuerungsfantasien jedenfalls nicht", schließt Dietrich.
Über die Freie Ärzteschaft e.V.
Die Freie Ärzteschaft e. V. (FÄ) ist ein Verband, der den Arztberuf als freien Beruf verteidigt. Er wurde 2004 gegründet und vertritt vorwiegend niedergelassene Haus- und Fachärzte sowie verschiedene Ärztenetze. Vorsitzender des Bundesverbandes ist Wieland Dietrich, Dermatologe in Essen. Ziel der FÄ ist eine unabhängige Medizin, bei der Patient und Arzt im Mittelpunkt stehen und die ärztliche Schweigepflicht gewahrt bleibt.
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