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BERLINER MORGENPOST: Guttenberg ist auf dem richtigen Weg - Leitartikel

Berlin (ots) - Man muss sich ein bisschen wundern an diesem einmal mehr sehr aufgeregten politischen Wochenende. Kann man wirklich streiten über die Entscheidung des Verteidigungsministers? Ja, man kann. Oder besser: man könnte. In dem Fall nämlich, dass alle in den vergangenen Tagen an die Öffentlichkeit lancierten Geschichten über die rauen Sitten an Bord der "Gorch Fock" komplett aus der Luft gegriffen wären, Seemannsgarn, üble Nachrede, Zeitungsenten. Aber nur dann. Beruhen die Berichte vom fernen Kap dagegen auch nur auf einem Funken Wahrheit, hatte Karl-Theodor zu Guttenberg keine andere Wahl. Drangsalierung, Unmenschlichkeit, sexuelle Belästigung - man kommt ja kaum hinterher mit dem Lesen. Und dann soll man einen Kommandanten, der sich all dieser Vorwürfe zu erwehren hat, der all dies im Fall des Falles zu verantworten hat, einfach weiterkommandieren lassen, als wäre nichts passiert? Eine aberwitzige Vorstellung. Nein, Guttenberg hat - eher zu spät als zu früh - in Sachen "Gorch Fock" die einzig mögliche Entscheidung getroffen. Alles andere wäre dem Gewicht der Vorwürfe, aber auch der Bedeutung der "Gorch Fock" für die Bundeswehr und, zu Ende gedacht, für die Verfassung dieses Landes nicht gerecht geworden. Die "Gorch Fock", gar keine Frage, war in den vergangenen Jahrzehnten ein Symbol für das Gute in der Bundeswehr, für ein Deutschland, dessen Matrosen im Zweifel um die ganze Welt fahren konnten, ohne Schaden anzurichten. Die "Gorch Fock" stand nach innen für Teamgeist, verantwortungsbewusste Führung, auch für Vaterlandsliebe. Nach außen repräsentierte sie die Verlässlichkeit, die Friedfertigkeit und Weltoffenheit unseres Landes. Sie war immer das wohl bekannteste und schönste Aushängeschild der Bundeswehr, ein idealer Werbeträger. Das alles hat sich für den Moment erledigt. Die "Gorch Fock" gehört erst einmal auf Kiel gelegt. Und dann muss man mal genau gucken. Die Bundeswehr steht ja ohnehin am Scheideweg in diesen Monaten. Durch den Wegfall der Wehrpflicht, durch die Notwendigkeit, jetzt eine Berufsarmee auszubilden, die dieses Land mindestens ebenso gut - womöglich sogar besser - repräsentiert wie ihre Vorgängerin, gehören ohnehin alle Strukturen, alle Gewohnheiten, erst recht alle Unsitten auf den Prüfstand. Drill, unbedingter Gehorsam oder auch nur "Klimmzüge", wie sie der abgesetzte Kommandant seinen Rekruten empfohlen hat, dürften in Zeiten der asymmetrischen, biologisch-chemischen, computergesteuerten Kriegführung nicht zwingend zum Markenkern einer modernen Armee gehören. Kreativität, die Fähigkeit, die bessere Lösung zu finden, und der Mut zum Widerspruch dagegen schon. Die Reaktionen, die man gestern aus der Bundeswehr auf die Absetzung des "Gorch Fock"-Kommandanten gehört hat, lassen nicht darauf schließen, dass diese schlichte Wahrheit schon überall angekommen ist in den Kasernen und Leitständen dieses Landes.

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