Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit
Pressemitteilung - Neue Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Rolle Indiens in Weltpolitik und Wirtschaft
Pressemitteilung
Indien sieht Europa als strategischen Schlüsselpartner
Neue Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Rolle Indiens in Weltpolitik und Wirtschaft
Stefan Schott steht Ihnen als Gesprächspartner zur Verfügung (stefan.schott@freiheit.org)
Berlin, 21.01.2026
Indien betrachtet seinen weiteren wirtschaftlichen Aufstieg als oberste politische Priorität – und sieht Europa dabei als zentralen Partner. Aus indischer Perspektive ist die Europäische Union nicht nur der wichtigste Wertepartner unter den großen Mächten, sondern auch ein strategisches Gegengewicht zu den USA in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung. Das zeigt eine umfassende Befragung von fast 1.400 Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Indien, die im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Kalinga Kusum Foundation durchgeführt wurde.
Die Ergebnisse liefern einen seltenen Einblick in die strategische Selbstverortung eines Landes, das sich als künftige Weltmacht versteht und sehr klare Erwartungen an seine internationalen Partner formuliert. Knapp 70 Prozent der Befragten rechnen fest damit, dass Indien innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte zu einer globalen Führungsmacht aufsteigt. Gleichzeitig wird Außenpolitik in erster Linie als Instrument zur Förderung von Wirtschaftswachstum, Industrialisierung und Armutsbekämpfung verstanden.
Außenpolitik als Wirtschaftspolitik
Angesichts eines Bruttoinlandsprodukts von rund 2.800 US-Dollar pro Kopf bewerten die Befragten die wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen als wichtigstes strategisches Interesse des Landes. Entsprechend dominiert die Erwartung, dass Diplomatie vor allem Handelsbeziehungen, Investitionen und technologischen Fortschritt fördern soll. Klassische geopolitische oder normativ geprägte Rollenbilder spielen demgegenüber eine nachgeordnete Rolle.
Europa ist für diese Zielsetzung gut positioniert. Mehr als zwei Drittel der Befragten sehen die EU als Vorbild für Indiens eigenen Entwicklungsweg. Besonders hoch ist die Übereinstimmung bei zentralen Werten wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auch die Soziale Marktwirtschaft stößt in Indien auf breite Zustimmung und gilt als das bevorzugte Wirtschaftsmodell.
Europa als Gegengewicht zu den USA
Vor dem Hintergrund handelspolitischer Spannungen mit den Vereinigten Staaten gewinnt Europa zusätzlich an strategischem Gewicht. Drei Viertel der Befragten bewerten ein Freihandelsabkommen mit der EU als die richtige Antwort auf hohe US-Zölle. Eine Mehrheit ist sogar bereit, protektionistische Hürden abzubauen, um die wirtschaftliche Integration mit Europa zu vertiefen.
Zugleich zeigt die Studie eine nüchterne Wahrnehmung europäischer Schwächen. Die EU wird wirtschaftlich und technologisch hinter den USA und China verortet, und auch in ihre militärischen Fähigkeiten ist das Vertrauen gering. Als Sicherheitsgarant spielt Europa aus indischer Sicht kaum eine Rolle. Umso größer ist hingegen das Interesse an Kooperationen in den Bereichen Industrie, Technologie, Klimaschutz sowie in der Bildungs- und Fachkräftezusammenarbeit.
Deutschland besonders gefragt
Das Verhältnis zu Deutschland erhält in Indien besondere Aufmerksamkeit. Fast 90 Prozent der Befragten sprechen sich für eine weitere Annäherung aus. Erwartet wird dabei vor allem eine eigenständigere außenpolitische Rolle Deutschlands, weniger Abhängigkeit von den USA sowie Unterstützung für Indiens Anspruch auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Besonders ausgeprägt ist der Wunsch nach einer stärkeren Öffnung Deutschlands für indische Studierende und Fachkräfte. Europa insgesamt ist für Inderinnen und Inder, die für Studium oder Beruf ins Ausland gehen wollen, das mit Abstand attraktivste Ziel – noch vor den USA.
Realistische Erwartungen an Europa
Die Studie zeigt zugleich auf, bei welchen Themen Indien und Europa auseinanderliegen. So sehen die Inder Russland trotz des Angriffskriegs gegen die Ukraine weiterhin als einen zuverlässigen und strategisch wichtigen Partner. An den im Westen kritisierten Ölgeschäften mit Russland will die überwiegende Mehrheit festhalten. Zwei Drittel der Befragten erwarten, dass die Regierung in Moskau im Fall eines militärischen Konflikts Indien Unterstützung leisten würde. Eine Abkehr von dieser Beziehung ist nicht zu erwarten. Wirtschaftlich hingegen wird Russlands Potenzial als begrenzt eingeschätzt, was den Bedarf an alternativen Partnerschaften unterstreicht.
„Indien ist eine Chance für Europa“, sagt Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im Europäischen Parlament und Mitglied des Präsidiums der FDP. „Wenn Europa in einer Welt zunehmender Machtpolitik bestehen will, muss es Indien als das behandeln, was es ist: ein selbstbewusster Akteur mit eigenen Interessen. Das bedeutet mehr Mut zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit, technologische Partnerschaften auf Augenhöhe und Offenheit für indische Talente. Nur so entsteht eine strategische Partnerschaft, die beiden Seiten nutzt.“
Handlungsauftrag für Europa
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich: Indien teilt die europäischen Werte, sucht aber vor allem verlässliche Partner für seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg. Für Deutschland und die Europäische Union eröffnet sich damit eine strategische Chance – vorausgesetzt, Europa ist bereit, Indien nicht primär durch die eigene geopolitische Brille zu betrachten, sondern als eigenständigen Machtfaktor in einer multipolaren Welt.
Zur Studie: Die Befragung „Navigating India’s Role: Perspectives on Security, Geopolitics, and Trade“ wurde im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Kalinga Kusum Foundation durchgeführt. Befragt wurden 1.396 Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger sowie Meinungsführerinnen und Meinungsführer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in 25 indischen Städten.
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