Weser-Kurier

Weser-Kurier: Der "Weser-Kurier" (Bremen) kommentiert in seiner Ausgabe vom 28. Januar 2011 die Rede von Bundespräsident Christian Wulff anlässlich des Holocaust-Gedenktages in Auschwitz:

Bremen (ots) - Der Anspruch von Auschwitz

von Joerg Helge Wagner

Gerade zwei DinA4-Seiten füllt die Rede, die der Bundespräsident gestern in Auschwitz gehalten hat. Zu wenig für mehr als 1,1 Millionen Menschen, die hier ermordet wurden? Nein, denn auch eine ganze Bibliothek würde nicht ausreichen, sich das Grauen in seiner Gesamtheit vorzustellen - aber das erzählte Schicksal eines einzigen Opfers gibt uns eine tiefe Ahnung davon. Das wurde gestern erneut deutlich, als im Bundestag erstmals ein Vertreter der Sinti und Roma als Überlebender des Nazi-Völkermordes sprach. Die Schilderung von Zoni Weisz, wie er als einziger seiner Familie dem mörderischen Rassenwahn entkam, kann keinen der anwesenden Volksvertreter unberührt gelassen haben. Vertreter eines Volkes, das erfüllt ist mit Abscheu und Scham über die Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden - so jedenfalls beteuerte es Wulff in Auschwitz.

Das klingt sicherlich gut für die wenigen noch lebenden Opfer, für ihre Nachfahren, für die aufmerksamen Beobachter in Polen, Israel, den Niederlanden und all den vielen Staaten, die einst unter deutscher Besatzung gelitten haben. Insofern hat Christian Wulff gestern als oberster Repräsentant des neuen, demokratischen, weltoffenen Deutschland alles richtig gemacht. Kein Wort zu viel, das irgendwelche Zweifel nähren konnte an der historischen Verantwortung Deutschlands, die unabhängig ist von individueller Schuld. Und doch ist gerade hier Skepsis angebracht, ob der Bundespräsident tatsächlich das Mehrheitsempfinden seines Volkes wiedergegeben hat. Ist aus Abscheu und Scham über "Auschwitz" tatsächlich ein besonderes deutsches Verantwortungsgefühl erwachsen, nie wieder ein solches Menschheitsverbrechen zuzulassen?

In der Binnensicht kann man das sicher bejahen. In sechs Jahrzehnten hat sich die Bundesrepublik als eine außerordentlich stabile Demokratie erwiesen: Gesellschaftliche Konflikte wurden weitestgehend gewaltfrei ausgetragen; linker wie rechter Extremismus blieb immer eine Randerscheinung, schlimmstenfalls von regionaler Bedeutung. Selbst wenn Neonazis gelegentlich den Einzug in Landesparlamente schafften: Dort wurden sie immer so rasch demaskiert und vorgeführt, dass sie nie wirklich populär oder gar mehrheitsfähig werden konnten.

Im Bemühen um "Aufarbeitung" oder "Bewältigung" der NS-Verbrechen lief die bundesdeutsche Gesellschaft zuweilen sogar Gefahr, es mit deutscher Gründlichkeit zu übertreiben: Während im Geschichtsunterricht der 50er und 60er Jahre das Dritte Reich geradezu ausgeklammert wurde, schien sich in den folgenden Jahrzehnten die vermitteltete deutsche Geschichte häufig auf diese katastrophalen zwölf Jahre zu reduzieren. Und die "Einzigartigkeit des Holocaust" wurde zum Bekenntnis, das wie jeder Glaubensgrundsatz weitergehende, vergleichende Forschung blockierte. Glücklicherweise hat eine jüngere Generation von Wissenschaftlern erkannt, dass man so eine Wiederholung des absolut Bösen kaum verhindern kann, wenn man seine komplexen Ursachen nicht völlig ausleuchtet.

Genau das aber ist die Verpflichtung, die Wulff gestern in Auschwitz einforderte: die Würde des Menschen unter allen Umständen zu wahren, einen derartigen Zivilisationsbruch nie wieder zuzulassen - in Europa und weltweit. Das weist in Gegenwart und Zukunft. Wulff hat nicht explizit erläutert, was "unter allen Umständen" zu bedeuten hat - aber er hat diesen Satz an einem Ort gesagt, an dem das Morden erst durch eine massive militärische Intervention beendet worden ist. Und er hat mit Sicherheit nicht bloß das Recht des jüdischen Staates auf Selbstverteidigung damit unterstreichen wollen. Es geht um die Mahnung von Millionen Opfern: dass die Menschenrechte immer und überall für jeden zu gelten haben und durch keinerlei kulturelle Unterschiede relativiert werden können. Das ist der ungeheure Anspruch, den Auschwitz an uns stellt.

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