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Von der Suche nach einem „Abdruck der Fußsohlen“ eines 17-Millionen-Volkes und dem Hochzeitsflug der Ameisen

Von der Suche nach einem „Abdruck der Fußsohlen“ eines 17-Millionen-Volkes und dem Hochzeitsflug der Ameisen
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Eine deutsche Roman-Trilogie Jahrzehnte nach der Einheitsfeier? Ist nicht alles längst abgelegt und katalogisiert, was erzählt werden kann? Ist nicht alles erschöpft und durchgekaut oder wiederholt sich -wie der jährliche Hochzeitsflug der Ameisen am gestrigen Tage- alles?

Reinhard Wosniak, geboren 1953, gestorben 2020, hat das Paket, mit der ihm verbliebenden letzten Kraft, bravourös wieder aufgeschnürt. In seinen vorliegenden drei Romanen „Felonie“ (598 Seiten, 2. Auflage SPICA Verlag, Neubrandenburg 2020), „Die Kinder des Mondes“ (325 Seiten, SPICA Verlag, Neubrandenburg, 2018) und „Die Nacht der Ameisen“ (400 Seiten, ebenda, 2020) tut er dies auf ganz eigene Weise: Er wirft Schlaglichter auf hundert Jahre Geschichte zweier deutscher Familien - der Guttentags und der Stamers... Daraus entsteht bei ihm aber kein chronologischer Familienroman im herkömmlichen Sinne; eher möchte man sagen: Er wirft thematische, erzählerische und szenische Perlen des Alltags dreier Generationen aus, die sich auf wunderbare Weise zu einer durch geheimnisvolle Fäden lose verbundenen Trilogie des Lebens fügen: „Die Villa“. Sie dürfte auf ihre Art vorbildlos sein. In rigoroser Manier kommt Reinhard Wosniak auf den Punkt, ohne jemals seine typische grotesk-komische Balance zu verlieren.

Auf solche Weise ist das noch nicht gemacht worden. Das Ganze mag mit seinem Detailreichtum fast wie eine Biografie wirken, ist aber Fiktion. Was davon Erlebtes ist? Wir werden es nie vollständig erfahren. – Darauf kommt es aber auch nicht an: Vor dem Hintergrund zweier Diktaturen und einer wohl noch längst nicht beendeten Selbstfindung dominieren in Reinhard Wosniaks Büchern die handfesten Geschichten, die authentischen und vielfarbigen Schilderungen von Liebe, Alltagssorgen, Konflikten, Enttäuschungen und gelebten Alternativen einfacher Menschen - welche niemals literarischer Selbstzweck sind, sondern immer zu einer fatalen oder erlösenden Konsequenz führen. Wosniak legt Wert auf szenische und psychologische Stimmigkeit bei seinen Helden, die immer Gewinner und Verlierer in Einem sind.

Und irgendwie kreist alles um das Thema Freiheit, um das Verstehen, Missverstehen, Begehren und Missbrauchen eines Zustandes, der vielleicht eine sehr deutsche Prägung hat, eine private und eine gesellschaftliche Seite zumal, welche auch selten zusammenpassen wollen. In Wosniaks Romanen gibt es Figuren, die die wirkliche Freiheit für eine immer noch Unbekannte halten. Gejagt wird ein Double, das immerfort die Kleider wechselt.

Während „Felonie“ ein schillernder, kunstvoll in sich verflochtener und breit angelegter Roman der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hin zu den 60er Jahren ist, aus dem man viel über Krieg, Gefangenschaft, Entsagung und Flucht erfährt, ist „Die Kinder des Mondes“ eine fast kammerspielartige Geschichte des zwanghaften und tragischen Scheiterns in den Siebzigern - unter einer ostdeutschen Diktatur und bei verschiedenen Arten, nach der Freiheit zu suchen, oder jedenfalls nach der, die man dafür hält. „Die Nacht der Ameisen“ schließlich folgt dem Leben einiger Helden bis in die Jetztzeit. Denn so viel steht fest: Für Wosniak ist die – wie auch immer vollzogene – Einheit Deutschlands nur der Auftakt für einen viel größeren Schritt: nämlich dem in die Digitalisierung und in die Globalisierung. Sind wir dieser Entfesselung der Kräfte gewachsen, und was können wir mitnehmen von unseren Erfahrungen? Hier setzt der letzte Band an. Wosniaks Suche nach einem „Abdruck der Fußsohlen“ eines 17-Millionen-Volkes in einem selbstgewollten Prozess. Das erscheint zunächst genauso müßig wie die anfangs doch so überzeugte Suche am glatten Sockel von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft. Aber: Wer weiß?

Auf eigenwillige, oftmals überraschende und originelle Weise - bisweilen auch mit derben Humor - will Wosniak bis in die jüngste Zeit hinein deutlich machen, was ein Jahrhundert zwischen erstem Weltkrieg und Trump-Zeitalter für Veränderungen für die Lebenden gebracht hat, wieviel Leid, Lüge, vermeintlichen Fortschritt, und wieviel fatale Denkübereinkünfte es brauchte, um da zu stehen, wo wir heute stehen. - Aber wo stehen wir eigentlich? Am Ende aller Religionen, Philosophien und Überzeugungen? Oder am Anfang eines Prozesses, der sich aus vergangenen Erfahrungen bedient, wie es gerade passt? Wer ist Sieger, wer ist Gewinner und wer ist Verlierer? - Oder sind nur noch der Zufall und ein naturgegebener Fatalismus unsere Lenker?

Wosniak macht es sich mit Antworten nicht leicht - was verständlich ist in einer Zeit, wo doch alle Antworten gegeben scheinen. Aber er stellt Übereinkünfte in Frage und rollt neue Fragen auf. Der promovierte Ingenieur hat in beiden Systemen gelebt und gearbeitet, über vierzig Jahre lang, zuletzt im Gesundheitswesen. Er hat „nebenbei“ ein Dutzend Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht, nicht gerechnet eine Vielzahl von Rezensionen und Feuilletons für den Rundfunk und diverse Zeitungen nach 1990. Er bleibt bei aller allgemeinen Skepsis eng bei den virtuos erzählten Einzelschicksalen seiner Helden und einer breiten, fast möchte man sagen, südamerikanischen Erzählweise, die sich immer wieder zu überraschenden Konstellationen hin entwickelt, und welche die Spannung hält - ganz ohne künstliche Verschärfungen des Stoffes.

„Die Nacht der Ameisen“ lautet der Titel des abschließenden Teiles der Trilogie mit dem Namen „Die Villa“. Wie auch in den vorangegangenen Bänden spielt die Handlung zwischen dem „Osterland“ - so heißt, durchaus doppeldeutig, die Gegend im Umfeld der sächsisch-thüringischen Kleinstadt Frohburg seit Jahrhunderten -, den großen Städten Leipzig und Rostock … und Europa. Wie überhaupt der Kleinstadt-Mikrokosmos auf konsequente Weise immer wieder mit dem einheitlichen Deutschland aber auch mit den Ländern unseres Kontinents verwobenen bleibt. Deren Geschichte, Landschaft und Kultur erlauben Wosniak anregende Sichten. In besonderer Weise gilt das von Frankreich und Italien. Aus dieser spannungsreichen und wechselhaften Beziehung bezieht der Text nicht zuletzt einen wesentlichen Teil seiner Aktualität und Vielschichtigkeit. - „Die Nacht der Ameisen“, der im SPICA Verlag erschienene, abschließende Roman einer Trilogie - der sich wie die Vorgängerromane auch ohne die Kenntnis der vorherigen lesen lässt - mündet dennoch fast in Ratlosigkeit…

Reinhard Wosniaks drei Bände sind ein weit ausgreifendes und gleichermaßen fokussierendes Werk, dass mit erstaunlichem Kenntnisreichtum und beunruhigender Deutlichkeit seine Charaktere ausleuchtet. War bereits das Finale der „Kinder des Mondes“ von tragikomischer Konsequenz und las sich wie eine Botschaft, so ist „Die Nacht der Ameisen“ am Ende eine Metapher auf die emsigen Erdbewohner - die Ameisen. Die ändern immer öfter ihr Programm. Vielleicht um vom Menschen zu übernehmen, der seine Zeit und seine Chance gehabt hat...

Eine gute Zeit mit vielen Chancen wünscht Ihnen

Kathrin Kolloch

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Frau Kathrin Kolloch

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