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Wissenstransfer für mehr Gesundheitsgerechtigkeit

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Bundesweite Fachtagung an der Hochschule Fulda: Kommunen teilen Erfahrungen und erfolgreiche Modelle zur Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung

FULDA. Wie können Kommunen Menschen ohne Krankenversicherung besser versorgen? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Treffens von rund 30 Vertreterinnen und Vertretern aus Kommunen, Gesundheits- und Sozialämtern, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Wissenschaft, das am 21. und 22. Januar 2026 an der Hochschule Fulda stattfand. Ziel war es, sich über erfolgreiche kommunale Ansätze zur Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung auszutauschen.

Die Fachtagung begann am Vorabend mit einer Keynote von Privatdozent Dr. Henrik Lebuhn von der Humboldt-Universität zu Berlin. Er stellte das Konzept der „Stadtbürgerschaft“ vor und betonte: „Zugehörigkeit und Teilhabe sollten sich über den Wohnort definieren, nicht über die Staatsangehörigkeit.“ Anhand internationaler Beispiele sogenannter „Sanctuary Cities“ zeigte er auf, wie Kommunen bestehende Handlungsspielräume nutzen können.

Ein Vertreter des Bundesverbands Anonymer Behandlungsschein (BACK) hob in seinen Vortrag zum offiziellen Tagungsauftakt das Recht auf Gesundheit als universelles Menschenrecht hervor und wies auf die Notwendigkeit nachhaltiger, bundesweiter struktureller Lösungen hin. Die Fachtagung, unter der Leitung von Professor Dr. Ilker Ataç, wurde veranstaltet vom Zentrum Gesellschaft und Nachhaltigkeit (CeSSt) der Hochschule Fulda und dem Deutschen Institut für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) in Zusammenarbeit mit Ärzte der Welt e.V. und BACK.

Erfolgsmodelle aus neun Städten

Der Erfahrungsaustausch verdeutlichte: Kommunen in Deutschland haben unterschiedliche Ansätze entwickelt, um strukturelle Versorgungslücken zu schließen. Städte wie München, Köln, Stuttgart, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Leipzig, Münster und Essen stellten ihre Modelle vor. Diese reichen von Clearingstellen, die Menschen ohne Krankenversicherung beraten und in die Regelversorgung vermitteln, über anonyme Behandlungsscheine bis hin zu kommunalen Gesundheitsfonds. Insbesondere in den Clearingstellen spielen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter eine zentrale Rolle. Sie beraten Menschen in komplexen Lebenslagen, vermitteln in Versorgungssysteme und entwickeln individuelle Lösungswege – oft an der Schnittstelle zwischen Gesundheitswesen, Sozialrecht und Migration.

Trotz des lokalen Engagements gibt es ein grundlegendes Problem: "Kommunen kompensieren derzeit ein systemisches Versagen auf Bundesebene", betonte Carolin Bader von Ärzte der Welt. „Das Engagement und die Vielfalt der Angebote durch kommunale Strukturen war sehr beeindruckend zu sehen. Gleichzeitig ist es erschreckend, wie unterschiedlich die Kapazitäten zur Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung bundesweit verteilt sind. Oft müssen sie an Stadtgrenzen enden. Eine bundesweite Lösung für eine bessere Versorgungs- und Finanzierungsstruktur sollte daher weiterhin das Ziel sein.“

Die Teilnehmenden fordern eine Regelfinanzierung von Clearingstellen, klare rechtliche Regelungen und die Sicherstellung der Krankenversicherungspflicht für alle.

In drei Arbeitsgruppen diskutierten sie zentrale Herausforderungen: die nachhaltige Finanzierung und dauerhafte Verankerung der Angebote im kommunalen Haushalt, die Anschlussversorgung nach Krankenhausaufenthalten sowie die bessere Erreichbarkeit vulnerabler Zielgruppen wie Rentnerinnen und Rentner ohne Krankenversicherung, Kinder, Schwangere und pflegebedürftige wohnungslose Menschen.

"Der Austausch in der Arbeitsgruppe war am wertvollsten, da hier konkrete Probleme und Lösungen berichtet wurden, auf die wir erst im offenen Gespräch gekommen sind, und die in einem Vortrag so nicht benannt werden könnten", berichtete eine Teilnehmerin. Ein anderer Teilnehmer ergänzte: "Ich habe viele Impulse mitgenommen – von Kooperationsverträgen mit Kliniken nach Mainzer Vorbild bis zur Klärung der Frage nach Übernahme von Beitragsschulden aus dem Gesundheitsfonds."

Zivilgesellschaft und Kommune Hand in Hand

Die Tagung machte deutlich, dass erfolgreiche kommunale Modelle aus der engen Zusammenarbeit zwischen Kommunen und Zivilgesellschaft entstehen. "Die zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure sind oft Pioniere, die Versorgungslücken aufzeigen und erste, insbesondere niedrigschwellige Lösungen entwickeln. Kommunen profitieren, wenn sie diese Expertise in systematische Strukturen überführen", erklärte Professor Dr. Ilker Ataç. Die Hochschule Fulda und das DIFIS verstünden sich dabei als Brückenbauer: "Unsere Rolle ist es, den Austausch zu moderieren, Erfahrungen systematisch aufzubereiten und Kommunen bei der Weiterentwicklung ihrer Angebote zu unterstützen."

Austausch geht weiter: Digitale Formate und Netzwerk geplant

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer signalisierten Interesse, sich an einem regelmäßigen Austauschformat zu beteiligen. Geplant sind regelmäßige digitale Themencafés (im Abstand von 3 bis 4 Monaten), eine Online-Datenbank mit Good-Practice-Beispielen, ein Newsletter und jährliche Präsenztagungen. "Die Kommunen wollen voneinander lernen – kontinuierlich, nicht nur einmal im Jahr", so Professor Ataç. "Wir werden diese Formate gemeinsam mit den Teilnehmenden aufbauen."

Dr. Antje Mohr
Pressesprecherin
Stabsstelle Wissenschaftskommunikation
Hochschule Fulda
Leipziger Straße 123
36037 Fulda
Tel.: +49 661 9640-1050
E-Mail:  antje.mohr@verw.hs-fulda.de
www.hs-fulda.de
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