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Buckelwal in der Ostsee: WDC-Meeresbiologin beantwortet häufigste Fragen

Buckelwal in der Ostsee: WDC-Meeresbiologin beantwortet häufigste Fragen
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WDC-Meeresbiologin Tamara Narganes Homfeldt beantwortet die häufigsten Fragen zum gestrandeten Buckelwal in der Ostsee.

Tamara Narganes Homfeldt ist Meeresbiologin mit den Schwerpunkten Cetologie, Unterwasserakustik und marine Lebensräume. Während ihres Studiums in Biologie, Meeressysteme und -politik fokussierte sie sich auf den Bereich Wale und Delfine. Sie nahm an verschiedenen Forschungsprojekten teil, in denen sie unter anderem das Verhalten von Schweinswalen, Flussdelfinen und Buckelwalen studierte. Aufgrund zahlreicher Anfragen aus der Presse und Öffentlichkeit hat sie die häufigsten Fragen zum gestrandeten Buckelwal in der Ostsee in einem Blogbeitrag beantwortet.

Im Folgenden ein Auszug des FAQs − weitere Statements finden Sie im Beitrag auf der WDC-Website.

Der Buckelwal bewegt sich noch und macht Anzeichen, sich selbst aus seiner Situation befreien zu wollen. Warum werden Vorschläge zur Unterstützung des Wals nicht ausprobiert?

Dass „Timmy“ sich bewegt und Anzeichen macht, sich aus der Strandung befreien zu wollen, ist ein natürlicher Reflex. Seine Bewegungen und Laute ändern jedoch nichts an der Situation seines Gesundheitszustandes oder den Chancen auf sein langfristiges Überleben.

Vorschläge aus der Bevölkerung zur Befreiung des Buckelwals sowie insbesondere aus den Erfahrungsberichten internationaler Strandungs-Expert:innen wurden für den individuellen Fall von „Timmy“ abgewogen. Es ist wichtig zu verstehen, dass jeder Strandungsfall extrem individuell ist – in die Bewertungen, wie vielversprechend bestimmte Maßnahmen sind, fließen zahlreiche Umstände mit ein. Im Fall von „Timmy“ war sein Gesundheitszustand schon seit der ersten Sichtung schlecht und hat sich über die letzten Wochen zunehmend verschlechtert, sodass zum aktuellen Zeitpunkt keine Maßnahme sinnvoll erscheint. Es gibt viele Erfolgsgeschichten, doch wir müssen auch lernen zu akzeptieren, dass man nicht jeden Meeressäuger retten kann, so sehr wir uns das auch wünschen. Im Fokus sollten immer die langfristigen Überlebenschancen stehen und eine Beurteilung, wie realistisch es ist, dass das Individuum ohne langfristiges Leid und Schmerzen überlebt. Für „Timmy“ sind diese Chancen extrem gering.

Natürlich könnte man nun jede erdenkliche Maßnahme austesten, nur um nicht „untätig“ zu sein. Doch wir bei WDC – und auch die einbezogenen Wal-Expert:innen – sind der Meinung, dass „Timmy“ keinesfalls zum Testobjekt werden darf. Wir dürfen nicht in Kauf nehmen, ihm zusätzlichen Stress oder weitere schlimme Verletzungen zuzufügen, nur weil wir uns ein „happy end“ für ihn wünschen. Die einzig ethisch vertretbare Haltung ist nun, „Timmy“ den Respekt, die Ruhe und den Schutzraum zu gewähren, die er braucht, um sterben zu können.

Es ist ein unglaublich trauriger Fall, auch für unser Team. Wir sind wahnsinnig berührt von der Anteilnahme aus der Bevölkerung und wünschen uns nun, dass sich dieser Aktionismus auch über „Timmy“ hinaus hält.

Wieso sprechen alle bereits davon, wie die Bergung des toten Wals von statten geht, statt ihm zu helfen?

Die Gutachten vor Ort haben ergeben, dass es dem Buckelwal gesundheitlich so schlecht geht, dass weitere Hilfseinsätze nicht zu seiner Rettung führen werden. Von einer Rettung könnte man nur dann sprechen, wenn „Timmy“ zurück im Nordatlantik wäre, sich vollständig von der Schädigung seiner Haut erholt hätte, die Fischereileine aus seinem Maul entfernt worden wäre und er wieder seinem natürlichen Verhalten nachgehen würde. Dieses Szenario ist leider extrem unwahrscheinlich. Insbesondere, da keine Informationen zum „innerlichen“ Zustand vorliegen: Infektionen seiner Haut könnten bereits den gesamten Organismus betreffen; die lange Strandung in der Wismarer Bucht hat mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits zu irreversiblen Organschäden geführt; Verletzungen aus einer möglichen Schiffskollision könnten zu Knochenbrüchen geführt haben; möglicherweise hat „Timmy“ nicht nur ein Fischereiseil im Maul, sondern auch weitere Netzteile in der Speiseröhre und im Magen, die nicht entfernt werden können – die Folge wäre ein qualvolles Verhungern.

All diese Faktoren wurden von den Verantwortlichen vor Ort sowie in Rücksprache mit internationalen Expert:innen berücksichtigt, sodass man die Entscheidung getroffen hat, dass weitere Hilfseinsätze „Timmy“ nicht retten werden. Viel eher würden sie dazu beitragen, dass der Buckelwal weiter gestresst würde oder ihm weitere enorme Schmerzen zugefügt werden könnten (z.B. durch die Befestigung von Gurten etc.).

Auch wenn es uns alle schmerzt, „Timmys“ Schicksal anzunehmen und ihm beim Sterben zusehen zu müssen, so ist die Bergung derzeit die einzig planbare Komponente, um seinem Tod einen „Sinn“ zu geben und die Erkenntnisse, die wir aus der Autopsie gewinnen, dafür zu nutzen, dass andere Wale und Delfine besser geschützt werden können.

Kann man den Wal nicht erlösen, durch Euthanasie?

Weltweit gibt es nur sehr wenig Erfahrung mit der Einschläferung von Großwalen. Wale haben eine sehr dicke Haut und Speckschicht, weshalb spezielles medizinisches Material zur Injektion nötig wäre. Auch gibt es kaum Erfahrungswerte zur Dosis der Medikamente: Im schlimmsten Fall würden diese nicht ausreichend gespritzt werden und der Wal würde die Lähmung der Atmung und des Herzmuskels aktiv miterleben.

Die Alternativen zur Euthanasie wären Schüsse in den Kopf (das Gehirn) des Wals, wobei auch hier zu wenig Erfahrungswerte vorliegen, um ein Nachschießen zu vermeiden. Auch die Sprengung des Kopfes wäre eine Möglichkeit, jedoch sehr extrem.

Der schonendste Weg wäre es, den Wal in Ruhe und auf natürliche Weise sterben zu lassen. Auch wenn es uns sehr schwerfällt, dabei zusehen zu müssen.

Wieso spricht sich WDC für eine Autopsie des Buckelwals aus?

Von einer Sprengung des Wals ist u.a. deshalb abzusehen, da so möglicherweise einige wichtige Daten in einer späteren Autopsie nicht mehr erhoben werden könnten. Das hat nichts mit einem Interesse am Walskelett zu tun, sondern vielmehr, weil es von Bedeutung ist, die genauen gesundheitlichen Umstände von „Timmy“ herauszufinden und den Fall aufarbeiten zu können. Bei internationalen Rettungseinsätzen gestrandeter Meeressäuger ist es oft Standard, dass der Strandungs- bzw. Todesgrund ermittelt wird. Denn nur so können entsprechende Schutzmaßnahmen abgeleitet werden.

Insbesondere für langfristige politische Arbeit sind handfeste Beweise entscheidend, um Veränderungen auf gesetzlicher Ebene einfordern zu können. Es ist unglaublich tragisch, dass „Timmy“ nicht gerettet werden kann. Doch so könnte sein Tod einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass vielen weiteren Walen und Delfinen ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Mehr dazu auf unserer Übersichtsseite zum Strandungsprogramm von WDC Nordamerika.

Könnte es sein, dass der Buckelwal gezielt die Nähe zu den Menschen suchte, um sich von den Fischereileinen befreien zu lassen? Schwimmt er deshalb immer wieder in flaches Gewässer?

Bisher konnte man bei Walen in Not beide Szenarien beobachten: Manche versuchten vor Rettungsbooten wegzuschwimmen oder schlugen mit ihren Flossen um sich. Andere Wale waren hingegen ganz ruhig und kooperierten mit den Einsatzkräften. Dass Wale in Not aktiv die Nähe von Menschen gesucht haben, wurde jedoch nur sehr selten beobachtet. Ob sie es letztlich "wissen", dass es Menschen gibt, die ihnen helfen wollen, kann man nur schwer beantworten – dazu müssten wir die Wale selbst fragen. Viele Wale in freier Natur hatten bisher kaum oder gar keinen Kontakt zu Menschen. Es handelt sich jedoch um sehr soziale und intelligente Säugetiere, die sich in der Natur gegenseitig und sogar über Arten hinweg in Notsituationen unterstützen. Daher kann es durchaus sein, dass sie es zumindest verstehen, wenn man ihnen hilft.

Eine der ersten Sichtungen des Buckelwals war die im Wismarer Hafen, bei der deutlich wurde, dass er in Fischereileinen verstrickt war. Doch als er noch frei schwamm näherten sich immer nur die Rettungskräfte dem Wal und nicht umgekehrt. Somit halte ich es im Fall von Timmy eher für unwahrscheinlich, dass er in die Ostsee gekommen ist, um sich von Menschen von den Fischereileinen befreien zu lassen.

Wieso bringt sich WDC nicht stärker in den Einsatz zur Rettung des Buckelwals in der Ostsee ein?

WDC ist zwar eine Wal- und Delfinschutzorganisation, jedoch keine operative Rettungsorganisation. Unser Team in Deutschland ist nicht für Rettungseinsätze geschult und verfügt auch nicht über Genehmigungen, um auf Wildtiere in Not zu reagieren.

WDC setzt aber dort an, wo die Ursachen solcher Notlagen entstehen. Seit vielen Jahren arbeiten wir daran, den Einsatz gefährlicher Stellnetze zu beenden, die immer wieder zur tödlichen Falle für Wale und andere Meerestiere werden, um Schweinswale und andere Meeressäuger in der Ostsee nachhaltig zu schützen, und politische Veränderungen anzustoßen, damit solche Situationen künftig gar nicht erst entstehen. Dabei konnten wir auch konkrete Erfolge erzielen, etwa zeitweise Stellnetzverbote in Schutzgebieten der Ostsee.

Diese Erfolge sind oft weniger sichtbar als eine Rettungsaktion – aber sie retten langfristig Leben und verhindern genau diese Situation, wie wir sie jetzt erleben müssen. Mehr Informationen, wo und wie sich WDC auf politischer Ebene einsetzt, finden Sie in dieser Übersicht.

Whale and Dolphin Conservation (WDC) ist die weltweit führende gemein­nützige Organi­sation, die sich ausschließlich dem Schutz von Walen und Delfinen widmet. Im Rahmen von Kampagnen, politischer Überzeugungsarbeit, Bildung, Beratung, Forschung, Rettungs- und Schutzprojekten sowie Mitmach-Aktionen verteidigt WDC Wale und Delfine gegen die zahlreichen Gefahren, denen sie heute ausgesetzt sind. Das kommt auch dem Klima zugute, da Wale unsere Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel sind und eine wichtige Rolle im Ökosystem Meer spielen. WDC-Expert:innen arbeiten in nationalen, europäischen und internationalen Arbeitsgruppen, sind in allen relevanten internationalen Foren vertreten und haben direkten Einfluss auf maßgebliche Entscheidungen zur Zukunft von Walen und Delfinen. Wir sind Ansprechpartner:innen für Medien, Öffentlichkeit und Entscheidungsträger:innen.

WDC arbeitet als gemeinnützig anerkannte Körperschaft politisch unabhängig und finanziert sich über Spenden und Stiftungsmittel.

Unsere Vision: Eine Welt, in der alle Wale und Delfine in Freiheit und Sicherheit leben.

www.whales.org

Bianca König
Leiterin Kommunikation
WDC Deutschland
Telefon: +49 179 6787 186 oder +49 89 6100 2393

Whale and Dolphin Conservation (WDC)
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