Whale & Dolphin Conservation gGmbH
Buckelwal in der Ostsee - Fakten und Hintergründe zur Strandung
Ein Buckelwal ist in der Ostsee auf einer Sandbank gestrandet. Einsatzkräfte, Wissenschaftler:innen und Meeresschutzorganisationen versuchen seit Tagen, den geschwächten Wal zu retten.
Fakten und Hintergründe zur Strandung
Buckelwale sind nicht in der Ostsee heimisch – dennoch kommt es immer wieder vor, dass einzelne Wale in das Brackwassergebiet gelangen. Der nun gestrandete Buckelwal war bereits mehrfach in der Region gesichtet worden, unter anderem im Hafen von Wismar sowie vor Travemünde. Dort wurde sichtbar, dass er sich in Fischereileinen verstrickt hatte, von denen er teilweise durch die Einsatzkräfte vor Ort befreit werden konnte (WDC berichtete dazu in den sozialen Medien).
Wie kam es zur Strandung des Buckelwals in der Ostsee?
Die Verstrickung in den Fischereileinen schränkt den Buckelwal in seinen Bewegungen ein; außerdem bedeuten die Netzteile zusätzliches Gewicht, das der Wal mit sich tragen muss. Möglicherweise wurde er durch die Verstrickung auch daran gehindert zu jagen. All das kostet den Wal enorm viel Kraft und zehrt an seinen Energieressourcen, was zur Schwächung des gesamten Organismus beiträgt. Die Entfernung der Netzteile durch die Einsatzkräfte vor Ort war ein wichtiger Versuch, dem Wal zu helfen. Allerdings bedeutete auch das zusätzlichen Stress für den Buckelwal.
Bei dem Individuum handelt es sich um einen Nordatlantischen Buckelwal. Diese sind aktuell, bedingt durch ihre saisonalen Wanderungen, von den warmen karibischen Gewässern zurück in den Norden unterwegs. In den warmen Gewässern paaren sich die Buckelwale und erst, wenn sie zurück im Norden sind, nehmen sie ihre Nahrungssuche wieder auf. Deshalb ist es sehr wahrscheinlich, dass dieser Buckelwal seit einigen Monaten bereits ausgezehrt und hungrig ist. Auch das Erscheinungsbild seiner Haut lässt vermuten, dass er sich in einem schlechten Gesundheitszustand befindet.
All diese Faktoren könnten dazu beigetragen haben, dass der Wal strandete. Ohne genauere Untersuchungen sind dies jedoch nur Spekulationen, wie auch die Einsatzkräfte vor Ort betonen.
Warum stranden Großwale in der Ostsee?
Nahrungssuche, Fehlnavigation, Lärm oder Störungen im Erdmagnetfeld können dazu führen, dass Wale in die Ostsee geraten – ein Lebensraum, der aufgrund geringer Tiefe, menschlicher Einflüsse wie Lärm, Schiffsverkehr und Fischerei zum Risiko werden kann.
Während bei Zahnwalen oft die Echolokation in seichtem Gewässer dazu führt, dass sie sich verirren, ist die Situation für Bartenwale komplexer. Ihre Navigation ist nicht vollständig erforscht – es gibt viele Theorien dazu, u.a. die Orientierung entlang von Magnetfeldern. Bei Großwalen sind eher Verletzungen, z.B. durch Verstrickungen in Fischereigeräten oder andere gesundheitliche Gründe die Ursache für Strandungen. Oftmals werden sie dann bereits tot an den Strand gespült.
Wahrscheinlicher ist im Falle des Buckelwals in der Ostsee daher, dass der geschwächte Wal sich instinktiv in das seichte Wasser begeben hat, um Schutz zu suchen und sich auszuruhen, da das flache Wasser weniger Gefahren, wie natürliche Feinde, birgt.
Wie läuft der Rettungseinsatz am Timmendorfer Strand ab?
Trotz intensiver Bemühungen – darunter Versuche, den Wal mit Booten, Luftkissen oder durch Ausrichten zur offenen See, in tieferes Wasser zu bringen – gelang es bislang nicht, den Wal zu befreien. Selbst das nächtliche Hochwasser reichte nicht aus, um dem etwa zehn Meter langen Jungtier Auftrieb zu verschaffen.
In einem Großeinsatz am Donnerstag, 26.03.26 wird nun versucht, mit Hilfe von zwei Schwimmbaggern eine Rinne frei zu baggern, in der Hoffnung, dass der Wal aus eigener Kraft in tieferes Wasser schwimmen kann. Der Buckelwal ist nach Angaben des Meeresbiologen vor Ort in einem wachen Zustand und zeigt Reaktionen; jedoch auch Anzeichen für Angst und Stress, z.B. durch Vokalisationen. Ob der Einsatz aufgrund des Wetters, des schlechten Gesundheitszustands des Wals und der Beschaffenheit des Sandes erfolgreich sein wird, ist jedoch ungewiss. Auch würde eine erfolgreiche Befreiung des Wals aus der Sandbank nicht bedeuten, dass er gerettet ist.
Wie stehen die Überlebenschancen für den Buckelwal in der Ostsee?
Der Buckelwal ist deutlich geschwächt und erschöpft. Jede Stunde auf der Sandbank verschlechtert seine körperliche Verfassung: Sein Körpergewicht drückt auf die Organe, seine Haut ist der Luft und Sonne ausgesetzt und bereits durch den geringen Salzgehalt in der Ostsee in einem schlechten Zustand. Und auch wenn die Rettungsmaßnahmen dem Wal helfen sollen, bedeuten sie zusätzlichen Stress. Der Wal könnte mit unkontrollierten Bewegungen reagieren und sich weiter verletzen. In Fällen langanhaltender Strandung sind die Überlebenschancen leider oft gering. Und selbst wenn die Befreiung gelingt, kann derzeit niemand einschätzen, ob der Wal anschließend erneut strandet oder in Folge seines Gesundheitszustandes sterben wird.
„Ein Fall wie dieser sorgt in Deutschland natürlich für sehr viel Aufmerksamkeit. Die Realität ist aber, dass Geschichten wie diese jeden Tag Wale und Delfine in den Weltmeeren betrifft – jedoch bekommen wir nur einen Bruchteil davon mit. Dieser Fall bringt uns das Ausmaß der Bedrohungslage und die Auswirkungen jetzt genau vor Augen. Beifang und die Verstrickung in Fischereiausrüstung zählen zu den Haupttodesursachen für Wale und Delfine. Seit Jahren kämpft WDC zusammen mit Partner-NGOs deshalb um echte Meeresschutzgebiete, die nicht nur auf dem Papier existieren; und für die Entwicklung alternativer Fischereimethoden, die den Beifang reduzieren.“
− Tamara Narganes Homfeldt, Meeresbiologin bei WDC Deutschland
Whale and Dolphin Conservation (WDC) ist die weltweit führende gemeinnützige Organisation, die sich ausschließlich dem Schutz von Walen und Delfinen widmet. Im Rahmen von Kampagnen, politischer Überzeugungsarbeit, Bildung, Beratung, Forschung, Rettungs- und Schutzprojekten sowie Mitmach-Aktionen verteidigt WDC Wale und Delfine gegen die zahlreichen Gefahren, denen sie heute ausgesetzt sind. Das kommt auch dem Klima zugute, da Wale unsere Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel sind und eine wichtige Rolle im Ökosystem Meer spielen. WDC-Expert:innen arbeiten in nationalen, europäischen und internationalen Arbeitsgruppen, sind in allen relevanten internationalen Foren vertreten und haben direkten Einfluss auf maßgebliche Entscheidungen zur Zukunft von Walen und Delfinen. Wir sind Ansprechpartner:innen für Medien, Öffentlichkeit und Entscheidungsträger:innen.
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Unsere Vision: Eine Welt, in der alle Wale und Delfine in Freiheit und Sicherheit leben.
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