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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Wahl von Kardinal Reinhard Marx zum neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Bielefeld (ots) - Wer, wenn nicht er? Wann, wenn nicht jetzt? Kardinal Reinhard Marx übernimmt als neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz eine Herkulesaufgabe, die inmitten der größten Kirchenkrise keinen Aufschub duldet. Die Laien, sofern sie nicht davonlaufen, leben in anderen Wirklichkeiten, die Treuen verzweifeln an den unendlich langwierigen Bemühungen um Erneuerung. Jetzt also der kernige Westfale von hoher theologischer Exzellenz und zupackender Art. Missbrauchsskandale, Pillenverbot von vorgestern, überholte Sexualmoral und Frauen ohne echte Chance, extremer Priestermangel: Kein Problem ist Marx fremd - und keines gelöst. Bei der Wahl von Vorgänger Robert Zollitsch vor sechs Jahren war Marx noch zu jung. Heute ist er vielen Bischöfen zu mächtig. Und dennoch haben sie ihn im vierten Wahlgang schließlich zum Vorsitzenden gewählt - weil es keinen besseren gibt. Der Weg des Reinhard Marx beginnt als Geseker Junge. Heute residiert er als Kardinal von München und Freising im Palais Holstein, ist nach dem Sturz von Uli Hoeneß vielleicht die letzte große barocke Type in Bayern und schlägt im Vatikan für Papst Franziskus neue Schneisen. Marx im Koordinatensystem aus rechts, links, konservativ und fortschrittlich eindeutig zu verankern, ist fast unmöglich. In den frühen 1990er Jahren in Dortmund beim Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn galt Marx als eine Art Arbeiterpriester und Pax-Christi-Aktivist - seinem historischen Namensvetter so nah wie nie wieder. Schon vor dem Besuch des damaligen Papstes 1996 in Paderborn, war er im Vatikan aufgefallen: »Du bist der (richtige!) Marx«, soll Johannes Paul II. mit Wohlgefallen bemerkt haben. Paderborn lernte ihn als einen Weihbischof kennen, der Banker, Bauern und Bayernzelte begeistern konnte. Zugleich erwies sich Marx als strenger Glaubensbewahrer gegenüber Kirchenkritiker Eugen Drewermann und als urkatholisch fromm in seiner glühenden Marienverehrung. Als Bischof von Trier suspendierte er Gotthold Hasenhüttl vom Priesteramt, der beim Ökumenischen Kirchentag in Berlin mit evangelischen Geistlichen Gottesdienst samt Kommunion gefeiert hatte. Marx tritt in die Fußstapfen seines Vorvorgängers Karl Lehman, wird aber in seinem Reformeifer nicht so frei sein können wie der streitbare Mainzer. Als Mitglied des päpstlichen Kardinalsrates kann er längst nicht so locker für wiederverheiratete Geschiedene streiten, wie Lehmann seinerzeit in der Abtreibungsberatung auf Konfliktkurs zu Rom gegangen ist. Marx muss theologische Fortschritte immer erst in Rom durchdrücken, bevor er sie für die deutschen Bischöfe öffentlich propagieren kann. Fast unmöglich. Bei aller Jovialität und Volksnähe wird er Enttäuschungen nicht vermeiden können.

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