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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema: NRW schaut nach Berlin

Bielefeld (ots) - Es ist noch nicht lange her, da galt Hannelore Kraft als die starke Frau der SPD. Als nächste Kanzlerkandidatin, als einzige ernstzunehmende Herausforderin für Angela Merkel. Sie war so stark, dass an der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin und stellvertretenden Parteivorsitzenden selbst für Sigmar Gabriel kein Weg vorbeiging. Peer Steinbrück war auch ein Kandidat von Krafts Gnaden. Doch mittlerweile sieht die Sache anders aus.

Innerparteilich geschwächt und in ihrer rot-grünen Koalition vor neue Probleme gestellt: Wer dieser Tage einen großen Verlierer in der SPD sucht, der wird auf Hannelore Kraft stoßen. Dabei schien alles für die 52-jährige Mülheimerin zu sprechen: Der Wahlkampf der SPD war katastrophal gelaufen, und das Wahlergebnis immer noch schlecht genug, um den Parteichef aus dem Amt zu jagen.

Doch Kraft scheute im entscheidenden Moment den entscheidenden Schritt. Müßig zu fragen, ob sie Gabriels Geschick beim Mitgliederentscheid unterschätzt hat. Doch als der sich bewies, als er Geduld, Ausdauer und Nervenstärke zeigte, blieb Kraft nur der geordnete Rückzug.

Dieser Rückzug gipfelte in ihrem viel zu lauten Versprechen vor der Landtagsfraktion, »nie, nie als Kanzlerkandidatin« für die SPD anzutreten. Ein Versprechen, für das es überhaupt keine Notwendigkeit gab. Hannelore Kraft ist jetzt wieder da, wo sie eigener Aussage nach immer bleiben will, in NRW. Doch ist ihre Lage nun weit weniger komfortabel. Denn im Moment könnte sie gar nicht weg aus NRW: Ein Aufstieg ist versperrt. Und die, die Kraft nach Berlin entsandt hat, sind eher Randfiguren der neuen Regierung. Auch das ist ein Zeichen bisher ungewohnter Schwäche.

Wenn die SPD im Bund jetzt mit CDU und CDU regiert, dürfte sich die Stimmung zwischen SPD und Grünen in Düsseldorf verschlechtern. Besonders im Bereich der Energiepolitik, die in Berlin ausgerechnet vom Wirtschaftsminister Gabriel gestaltet wird, ist mit Streit zu rechnen. Die leise Rückabwicklung der Energiewende mag Kraft gefallen. Doch dürfte sie den Zorn der Grünen darüber im Industrieland NRW weit stärker zu spüren bekommen als ihr Parteichef im fernen Berlin.

Und auch seitens der Opposition droht Ungemach. Durch den Wechsel des bisherigen CDU-Fraktionsvorsitzenden Karl-Josef Laumann nach Berlin wird in Düsseldorf der Weg für Parteichef Armin Laschet frei. Vorbei dürften damit die Zeiten einer sich selbst blockierenden Doppelspitze sein. Ob Laschet zum Herausforderer taugt, muss er erst noch beweisen. Aber erstmals seit der Ära Röttgen gibt es überhaupt wieder einen Herausforderer, der Partei und Fraktion hinter sich weiß und in Land wie Landtag präsent ist.

Fast schon ins Bild fügt sich da die jüngste Meinungsumfrage des WDR: Demnach käme die SPD in Nordrhein-Westfalen derzeit auf 37 Prozent, die CDU aber auf 38 Prozent. Siegerlächeln und Überfrau waren gestern, jetzt ist Hannelore Kraft unter Druck.

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