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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Thema Ägypten

Bielefeld (ots) - Auf siegestrunkene Euphorie folgt lähmender Schrecken. Zunächst haben es Tausende Demonstranten auf den Straßen der ägyptischen Großstädte geschafft, - ganz nach tunesischem Vorbild -, ihr Regime zu erschüttern. Der 82-jährige Husni Mubarak ist zwar noch nicht vom Hof gejagt, wohl aber musste er seine gesamte Regierung durch wichtige Vertreter der unverändert geachteten Militärs ersetzen. Nach 30 Jahren Mubarak ist das aus Sicht der politisch Aufbegehrenden eine ganze Menge. Soweit, so erfolgreich. Todesangst und Schrecken folgten spätestens in der Nacht zum Sonntag, als ein unpolitischer Mob das Chaos nutzte, marodierend durch Wohnviertel zog und Supermärkte ausräumte. Zugleich wurden die Gefängnisse wurden geöffnet. Islamisten und Kriminelle beschafften sich Waffen und Munition aus niedergebrannten Polizeistationen. Bürger in Todesangst verbarrikadierten ihre Häuser, andere organisierten Straßenwachen. Plünderungen, Überfälle, Chaos und Anarchie oder doch noch eine gelingende Revolution hin zu demokratischen Verhältnissen? Das Pendel der Geschichte wechselt derzeit hin und her. Ein klarer Ausschlag ist nicht erkennbar. Aber: Die Protestwelle droht zu versanden. Die »Generation facebook« der gebildeten und politisch engagierten jungen Ägypter muss um die Früchte ihres politischen Einsatzes fürchten. Wenn niemand die Schussfahrt ins Chaos stoppt, ist Unregierbarkeit die logische Folge. Allein die sofortige Bildung einer Regierung der nationalen Einheit in Kairo, wie von dem unter Hausarrest stehenden Friedensnobelpreisträger Mohammed el Baradei gefordert, kann das Heft des Handelns in die richtigen Hände legen. Es gibt nur eine Lösung. Mubarak muss ganz schnell das Land verlassen. Dazu müssten sich die USA allerdings eindeutiger verhalten. US-Präsident Barak Obama ist in seiner TV-Ansprache unmittelbar nach der Rede Mubaraks in der Nacht zum Samstag zu unbestimmt geblieben. Prompt aufgekommene Gerüchte, wonach die USA das Regime stützten, waren die Quittung. Tatsächlich gibt es engste strategische und finanzielle Verpflechtungen. Den USA scheint die Beteiligung von Militärs und Geheimdienst wichtiger als die Forderung nach Neuwahlen, die Obama mit keinem Wort erwähnte. Völlig unklar ist, was in den kommenden Tagen auf Tausende deutsche Touristen zukommt. Nicht ein Reisender habe seine sofortige Rückkehr nach Deutschland verlangt, ließ noch am gestrigen Nachmittag ein großer deutscher Veranstalter verbreiten. Auch der Reisebüro-Verband machte sich selbst Mut. Wenn es darauf ankomme, klappe die Heimkehr wie am Schnürchen, siehe Tunesien. Soweit die beschwichtigenden Worte zum Sonntag, während Ägyptens Oberschicht bereits fluchtartig das Land verließ...

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