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WAZ: Deutsche Geiseln im Irak: Ă–ffentliches Desinteresse - Kommentar von Angela Gareis

    Essen (ots) - "Bitte helft uns”, sollen RenĂ© Bräunlich und Thomas Nitschke gefleht haben. Man kennt nur das Foto von den Geiseln im Irak, sie knien unter den Waffen ihrer EntfĂĽhrer. Es ist das dritte Bild von den Ingenieuren. Dem zweiten vom 31. Januar folgte ein Ultimatum, das verstrich, ohne dass die Regierung Kontakt zu den EntfĂĽhrern aufnehmen konnte. Die Männer hätten schon tot sein können, bestialisch geköpft, aber nun gibt es die Hoffnung, dass sie noch leben und zugleich die Sorge, dass sie doch ermordet werden – geköpft, erschossen. Man will nicht darĂĽber nachdenken.

    Offensichtlich will man wirklich nicht darĂĽber nachdenken. Das Interesse der Ă–ffentlichkeit, das sich in vergleichbaren Fällen in Frankreich oder Italien in verzweifelter Medienberichterstattung und Mahnwachen spiegelt, ist sonderbar gering. Das war schon so, als Susanne Osthoff entfĂĽhrt wurde. Wie von selbst tauchte irgendwann die Frage auf, warum die meisten Deutschen so wenig Anteilnahme zeigten, und stand verloren im öffentlichen Raum.

    Der Versuch einer Antwort, das muss man im Nachhinein sagen, konzentrierte sich fatalerweise auf das Opfer. Osthoffs kompliziertes Leben wurde durchleuchtet, die ĂĽberforderte Familie gab AuskĂĽnfte. Auf einmal wusste die Republik unglaublich viel Privates ĂĽber eine Person, die in die brutalen Wirren der Weltprobleme geraten war. Gut ging das fĂĽr Susanne Osthoff nicht aus. Einige Medien zeigten wenig Verständnis fĂĽr ihre verstörte Verfassung nach der Befreiung. „Bild” beschrieb einen „irren” TV- Auftritt und Reinhold Beckmann mĂĽhte sich, irgendeine Logik aus Osthoff herauszufragen.

    Im Fall der Ingenieure wird nicht mehr versucht, eine öffentliche Antwort auf das öffentliche Desinteresse zu finden. Manche BĂĽrger in Ostdeutschland haben ihre eigene Erklärung: „Es sind ja bloĂź Ossis.” Das ist ein trauriger Verdacht, der seinen Anlass wohl darin findet, dass vor allem ostdeutsche Zeitungen ĂĽber die Geiseln berichten und ĂĽber die Mahnwachen in Leipzig. Wenn man sich aber an die Hilfsbereitschaft der Westdeutschen während der Oderfluten erinnert, kann man sich kaum vorstellen, dass dies ein Thema zwischen Ost und West sein soll. Die westdeutsche Geisel Osthoff wurde anfangs mit ähnlichem Gleichmut behandelt. Man kann nur mutmaĂźen, warum die Spendenweltmeister so verhalten reagieren. „Bitte helft uns” – vielleicht, weil kein BĂĽrger helfen kann, nicht einmal mit Spenden. Oder weil man sich daran gewöhnt hat, dass die Terroristen unablässig neue Opfer vor ihre Videokameras zwingen. Wo aber liegt der Unterschied zu anderen Ländern? Möglicherweise ist es auch so, dass viele Deutsche sich scheuen, um ihre Landsleute in besonderer Weise zu fĂĽrchten, weil nationales ZusammengehörigkeitsgefĂĽhl oder Vaterlandsliebe noch immer mit unguten Gedanken behaftet sind. Möglichweise fĂĽrchtet und hofft man hierzulande stiller.

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