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WAZ: Japan als Vorbild. Leitartikel von Ulrich Reitz

Essen (ots)

Was die stärkste moralische Leistung des ablaufenden Jahres war? Das mag jeder für sich beantworten, für mich ist es klar: Es war die Haltung, die die Japaner nach innen wie außen eingenommen haben, nachdem sie von dem Tsunami und dem Atomkraftwerk-GAU heimgesucht worden waren. Die ganze Welt hat darüber gestaunt, natürlich auch wir in Deutschland. Wir haben zur selben Zeit, anlässlich eines sehr modernen und sehr ökologischen Bahnprojekts, das Phänomen des Wutbürgers diskutiert. Der wurde uns sozusagen geschenkt vom Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit als der groteske Spießer, der seinen Blick verengt ausschließlich auf seine eigenen Belange und Befindlichkeiten und sich das Recht anmaßt, seine Empörung selbstverständlich in die Öffentlichkeit zu tragen; der sich also als gleichberechtigt wähnt mit der Staatsgewalt, obwohl die doch alle repräsentiert. Einer, dem das Gemeinwohl völlig schnuppe ist. Der japanische Stoizismus, diese Haltung, gefasst zu ertragen, was sich ohnehin nicht ändern lässt, ist uns Deutschen fremd. Japaner tragen die Seele nicht nach außen, sondern nach innen. Nach außen hin wahren sie ihr Gesicht. Der GAU war ein Versagen von Menschen und Spitzentechnologie gleichermaßen und weder das eine noch das andere kommt in der japanischen Verfasstheit vor. Und wenn es doch passiert, führt das in Japan nicht zu Wut, sondern zu Scham. Und dann bauen sie wieder auf, wie schon nach dem anderen Atom-Trauma, dem von Hiroshima und Nagasaki. Wir Deutschen haben auch eine Zeit gehabt, in der wir, ähnlich gestimmt wie heute Japaner, wieder aufgebaut haben. Irgendwann müssen in Deutschland andere Befindlichkeiten dazu gekommen sein. Das heißt nicht, dass die alte Tugend verschwunden wäre. Schließlich sind wir im Maschinenbau ja immer noch Weltmarktführer und die ganze Welt kauft diese so typisch deutschen Güter bei uns ein. Es gäbe auch anderen Anlass, stolz zu sein. Kein Land steht in der Finanzkrise so scheinbar unerschütterlich da wie Deutschland. Es handelt sich um eine Stärke, die wir uns selbst erarbeitet haben. In europäischen Ländern wird das anerkannt, wenn auch nicht lauthals gewürdigt, Deutsche sind kleiner leichter zu ertragen. Fazit: Wir hier könnten durchaus gelassener sein. Souveräner. Und auch dies: demütiger. In diesem Sinne haben die Japaner ein beeindruckendes Beispiel gegeben.

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