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BERLINER MORGENPOST: Ein Jahr, das uns in die Pflicht nimmt - Leitartikel

Berlin (ots)

Bisher war es ja immer so, dass das nächste Jahr schon irgendwann im November begann. Da fischte man einen schmucklosen Recycling-Umschlag aus dem Briefkasten. Darin lag dann die neue Lohnsteuerkarte. Man war also ganz gut vorbereitet, konnte sich rechtzeitig überlegen, was man mitnehmen wollte in die neue Zeit. Und was man lieber zurückließ in der alten. Rückblicke, Vorsätze. Die gute alte, nüchtern-grußlose Post vom Amt verschaffte einen gewissen Spielraum. Insofern trifft uns der heutige Tag schon ein bisschen überraschend. 2011 wird das erste Jahr ohne Lohnsteuerkarte. Machen wir was draus. Überlegen wir nicht lange und verknotet, was gut war und was schlecht, sondern nehmen den winterkalten Wechsel gleich von vorn und machen es besser als zuletzt. Grüßen den Nachbarn wieder, räumen den Gehweg auch in der fünften Schneewoche ohne langes Murren und verbringen eine Stunde mehr bei Oma oder bei der alten Tante Klara, die sich immer so freut, wenn mal einer vorbeischaut. Und die das trotzdem gar nicht zeigen kann, weil die Jahre so gezehrt und gezerrt haben an den Nerven, am Gemüt. Es lohnt womöglich gerade deshalb, ihr zuzuhören, etwas zu lernen aus dem Vergangenen und etwas mitzunehmen in die Zukunft. Denn bei aller Nörgelei: Was Oma und Tante, was Opa und Onkel zustande gebracht haben in ihrer Lebensarbeitszeit, das ist ab und zu einen Umweg wert auf dem Weg in den Feierabend oder ins Wochenende. Die Alten, die Rentner von heute, haben schließlich was vorzuweisen: Sie sind die erfolgreichste Generation, die dieses Land je hervorgebracht hat. Wirtschaftswunder, Wachstum, Wohlstand. Und ihr größtes Verdienst: Deutschland nicht wieder in einen Krieg, sondern zurück zur Einheit geführt zu haben. In Freiheit, ohne Blut zu vergießen. Das war ja so nicht abzusehen vor jetzt bald 50 Jahren, beim Mauerbau. Man sollte das also bedenken im neuen Jahr, wenn man mal wieder über die Versäumnisse der zurückliegenden Jahrzehnte klagt, über Schuldenberge, Umweltsünden und Gesundheitskosten. Deutschland als ganz normales und hoch angesehenes Mitglied der Völkergemeinschaft - das war eben kein Selbstläufer, das war eine Glanzleistung. Wir, die Generation, die jetzt in der Verantwortung steht, müssen uns erst noch beweisen. Die zentrale Herausforderung kennen wir inzwischen. Die europäische ist im Gegensatz zur deutschen Einheit immer noch ein äußerst wackliges Projekt. Die aktuelle Debatte um den Euro, unser Hang zur Abgrenzung und der latente Mangel an Demut und Verantwortungsbewusstsein - nicht nur in Deutschland - sind Zeichen dieser unangenehmen, letztlich gefährlichen politischen Labilität. Deshalb ist jeder Cent und jede Mühe, die in die europäische Einigung fließen, ein Investment in die Zukunft unserer Kinder, ein wertes Gegenstück zur Verschuldung der Gegenwart, die ja zu Lasten der folgenden Generationen geht. 2011 muss deshalb ein europäisches Jahr werden, eines, in dem aus der wunderbaren Vielfalt dieses Kontinents wieder gemeinsame Stärke destilliert werden kann. Wir brauchen diese Kraft, gerade in einem globalen Umfeld, das ökonomisch und kulturell auch in Zukunft nicht durchweg einen zivilen Umgang miteinander pflegen wird. Wir, hier in Deutschland erst recht, sind in der Pflicht.

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