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Börsen-Zeitung: Russisch Roulette, Kommentar zur Krim-Krise von Detlef Fechtner

Frankfurt (ots)

Russisch Roulette - so beschreibt es das Lexikon - ist ein potenziell tödliches Glücksspiel. Es wird - so weiß man aus Spielfilmen - nicht von Mutigen, sondern von Übermütigen gespielt. Die internationale Staatengemeinschaft beobachtet gerade mit großer Sorge die Eskalation eines Konflikts, der an ein solches Hasardspiel erinnert. Denn auch wenn die Investoren an den Märkten derzeit recht gelassen reagieren, gibt es Gründe, beunruhigt zu sein. Der Grenzstreit, der 1600 Kilometer östlich von Berlin tobt, spitzt sich weiter zu. Die Krim-Krise entwickelt sich zum Krim-Krimi.

Das Referendum hat Fakten geschaffen, die der Westen aber nicht anerkennt - und das aus gutem Grund. Denn auch wenn sich fast 97% der Wähler auf der Krim für einen Anschluss an Russland aussprechen, bliebe eine Lossagung der Krim von der Ukraine auf dreierlei Art und Weise ein Verstoß. Gegen (ukrainisches) Verfassungsrecht, gegen internationales Völkerrecht und gegen das Grundprinzip der Unverletzbarkeit von Grenzen. Das sind keine juristischen Feinsinnigkeiten, sondern zentrale Lehren aus Kriegen. Wer Grenzen neu ziehen will, braucht dafür - wie etwa im Kosovo - ganz gewichtige Gründe. Einem Staat indes zu erlauben, im Zuge einer massiv von außen unterstützten Sezession Landgewinne zu machen, ist brandgefährlich - und hochansteckend. Die Entwicklungen bergen nämlich zudem die Gefahr, dass sich in Charkiw und Donezk fortsetzt, was in Simferopol begann.

In diesem Fall würden zwei Risiken akut, die neben Politikern auch Investoren beunruhigen dürften. Erstens würde die EU dann harte Wirtschaftssanktionen verhängen, die den Handel direkt einschränken. Dies wiederum würde Gegenmaßnahmen provozieren, ein Handelskrieg wäre wahrscheinlich. Noch fatalere Folgen sind zu fürchten, falls die Situation außer Kontrolle geriete. Wer solche Sorgen für übertrieben hält, sollte sich vor Augen halten, dass sich in der Region bewaffnete Truppen in aufgeheizter Atmosphäre gegenüberstehen.

Mathematiker machen darauf aufmerksam, dass beim Russisch Roulette die Wahrscheinlichkeit des Todesschusses steigt, wenn der Revolver weitergegeben und die Trommel nicht neu gedreht wird. Irgendwann kann der Punkt erreicht werden, an dem es rational ist, die Pistole auf andere zu richten. Um ein solches Szenario in der Krise auf der Krim auszuschließen, sind dringend Verhandlungen nötig. Doch nicht einmal über deren Formate gibt es bisher Einvernehmen. Die Lage ist und bleibt daher extrem brenzlig.

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