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Börsen-Zeitung: Unbegründete Ängste, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

Frankfurt (ots)

Mit Spannung warten die Finanzmärkte auf den
Ein-Jahres-Tender, den die Europäische Zentralbank (EZB) am Dienstag 
zuteilen wird. Das Ergebnis der Transaktion wird einen erheblichen 
Einfluss auf die Möglichkeiten der Währungshüter haben, ihre zur 
Krisenbekämpfung ergriffenen Nothilfen wieder zu beenden. Der auch 
als "Exit" bezeichnete Ausstieg aus den Hilfsmaßnahmen - der 
Überflutung des Marktes mit Liquidität und dem extrem niedrigen 
Leitzins von 1% - muss auf absehbare Zeit geschehen, sollen nicht 
Inflationsgefahren heraufbeschworen oder durch neue Blasen die 
nächste Krise vorbereitet werden.
Bereits bekannt ist, dass das Geschäft wie der erste 
außergewöhnliche Ein-Jahres-Tender vom Juni ein Festzinsgeschäft zu 
1% ist, das voll zugeteilt wird. Offen ist damit sein Volumen, das 
der Höhe der Bietungen der Banken entsprechen wird. Sicher ist hier 
nur, dass das enorme Volumen des ersten Ein-Jahres-Tenders von 442 
Mrd. Euro, die höchste jemals von der EZB in einem Geschäft mit 
längerer Laufzeit zugeteilte Summe, deutlich unterboten wird. Denn 
das Bankensystem ist bereits mit Liquidität überschwemmt. Laut 
Reuters erwartet der Markt im Durchschnitt ein Volumen von 125 Mrd. 
Euro. Allerdings ist die Bandbreite der Marktprognosen mit 50 Mrd. 
bis 300 Mrd. Euro recht weit. Ein vergleichsweise hohes Volumen hätte
negative Konsequenzen für die EZB und letztlich auch für die Märkte.
Drohender Zugzwang
Zwar hilft die lange Verfügbarkeit der Liquidität den Banken. Sie 
begrenzt aber die Möglichkeiten der Währungshüter, das Zinsniveau zu 
steuern und insbesondere sich die Option offenzuhalten, den Leitzins 
bei Bedarf wieder anzuheben, wie die Commerzbank in einer 
Research-Studie erläutert. Das Institut hält ein Volumen von 85 Mrd. 
Euro für unproblematisch, eine Größenordnung ab 200 Mrd. Euro jedoch 
für kritisch. Wurden vor der Lehman-Krise noch 70% des Bedarfs der 
Banken an Zentralbankgeld über Ein-Wochen-Tender gedeckt, sind es 
derzeit nur noch 13%. Zwei Drittel entfallen auf den 
Ein-Jahres-Tender vom Juni. Der Anteil des auf Jahressicht 
gesicherten Liquiditätsbedarfs der Banken würde bei einer üppigen 
Zuteilung einen noch größeren Anteil erreichen. Die Überschüsse 
führen außerdem dazu, dass Tagesgeld nur noch bei 0,35% und der 
Drei-Monats-Euribor bei nur noch 0,75% und damit unter dem Leitzins 
von 1% liegt. Die EZB könnte somit bei einem sehr hohen Volumen recht
bald gezwungen werden, aktiv Liquidität aus dem Markt abzuschöpfen. 
Die Commerzbank nimmt an, dass sie dies spätestens ab 2010 tun würde.
Das aber könnte zu Irritationen an den Märkten führen. Denn die 
geldpolitischen Notmaßnahmen haben ebenso wie die 
Konjunkturankurbelungspakete erheblich zur Erholung von Wirtschaft 
und Finanzmärkten beigetragen. Es geht die Sorge um, dass die 
Erholung wieder in sich zusammenfallen könnte, wenn die Maßnahmen 
wieder zurückgefahren werden. Ein Vorgeschmack darauf wurde in der 
gerade beendeten Woche gegeben. Vier führende Notenbanken, darunter 
die US-Zentralbank Fed und die EZB, teilten mit, dass sie ihre 
Dollar-Liquiditätshilfen bis Ende Januar 2010 fortsetzen werden. 
Allerdings erklärten sie, dass sie die Zufuhr drosseln werden, u.a. 
durch kürzere Laufzeiten und niedrigere Volumina. Die Aktienmärkte 
reagierten umgehend mit nachgebenden Kursen.
Beruhigendes Signal
Tatsächlich sind die Exit-Befürchtungen jedoch übertrieben. Die 
Drosselung der Dollar-Liquiditätszufuhr ist alles andere als ein 
Alarmsignal. Die Währungshüter wurden nicht von der Furcht getrieben,
dass die Inflation stark anziehen könnte. Vielmehr reagierten sie auf
einen deutlich nachlassenden Bedarf der Banken an 
Dollar-Liquiditätshilfen. Das ist ein positives Signal. Zudem haben 
die Währungshüter mehrfach betont, dass sie die Hilfsmaßnahmen noch 
auf absehbare Zeit aufrechterhalten werden, weil sie dies nach wie 
vor für notwendig halten und erst dann behutsam gegensteuern werden, 
wenn die Erholung auf einer sichereren Basis steht. Sorgen machen 
müssten sich die Investoren erst, wenn die Inflation beginnen sollte 
stärker anzuziehen und damit die Währungshüter zu schnelleren und 
stärkeren Gegenmaßnahmen zwingen würde. Dafür gibt es derzeit jedoch 
keine Anzeichen.

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