Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)
Medikalisierung einer Menschenrechtsverletzung
Hannover (ots)
Die Zahl der weiblichen Genitalverstümmelung steigt weiter an - immer öfter durchgeführt von medizinischem Fachpersonal
230 Millionen Frauen weltweit leiden unter den Folgen einer weiblichen Genitalverstümmelung, das sind rund 30 Millionen mehr als noch 2016. Immer häufiger werden Genitalverstümmelungen von medizinischen Fachkräften durchgeführt, laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen jede Vierte. "Mit dieser Form der Medikalisierung droht diese Menschenrechtsverletzung gesellschaftlich akzeptiert zu werden", mahnt Angela Bähr, Vorständin Programme der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) anlässlich des Welttages gegen die weibliche Genitalverstümmelung.
Eine neue Analyse von End FGM zeigt, dass weibliche Genitalverstümmelung mittlerweile in mindestens 94 Ländern dokumentiert ist - deutlich mehr als bisher angenommen - aber nur 58 Staaten verfügen über Gesetze, die weibliche Genitalverstümmelung ausdrücklich verbieten (End FGM, 2025). Doch selbst Gesetze bieten häufig keinen ausreichenden Schutz: Auch in Europa leben 600.000 Mädchen und Frauen mit verstümmelten Genitalien. "Neben juristischen Verboten braucht es vor allem Aufklärung", weiß Angela Bähr, "nicht nur in der Schule, sondern in der gesamten Gemeinschaft." Anders, als häufig angenommen, handelt es sich nicht um einen religiösen Ritus, sondern um tief verwurzelte Traditionen, die bis in die Antike zurückreichen. "Nicht nur die Mädchen, auch die Jungs und nicht zuletzt die Eltern müssen begreifen, welche verhängnisvollen Folgen diese Eingriffe haben", so Bähr.
Weibliche Genitalverstümmelung wird in der Regel an jungen Mädchen vor Erreichen der Pubertät durchgeführt und umfasst alle Eingriffe, bei denen Teile der weiblichen Genitalien aus nicht-medizinischen Gründen entfernt oder verletzt werden. Es gibt unterschiedliche Formen, von der teilweisen oder vollständigen Entfernung der Klitoris und/oder der Schamlippen bis hin zum Zunähen der Vaginalöffnung. Probleme beim Wasserlassen, Menstruationsprobleme, Schmerzen beim Sex, ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei der Geburt und Neugeborenensterblichkeit und nicht zuletzt psychische Traumata sind nur einige der meist lebenslangen Folgen des Eingriffs, den viele Mädchen auch nicht überleben. "Der Schaden, den weibliche Genitalverstümmelung verursacht, ist unabhängig davon, wer sie durchführt", betont Angela Bähr. Vermeintlich hygienische und meist teure Beschneidungen durch Fachpersonal machten den Eingriff nicht besser. Im Gegenteil: Einige Studien deuten laut WHO darauf hin, dass sie sogar gefährlicher sein können, wenn sie von medizinischem Personal durchgeführt werden, da dies zu tieferen, schwereren Schnitten führen kann.
Zu den globalen Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (UN) gehört es, weibliche Genitalverstümmelung bis 2030 zu beenden. "Von diesem Ziel sind wir weit entfernt", konstatiert Bähr. Aktuell sind 4,4 Millionen Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht, 1200 jeden Tag. Ohne zusätzliche Anstrengungen wird die Zahl bis 2030 auf 4,6 Millionen ansteigen. Präventionsprogramme sind schon jetzt chronisch unterfinanziert. "Nach dem Rückzug der USA aus den entsprechenden UN-Institutionen", so Angela Bährs Appell, "sind Nationen wie die Bundesrepublik Deutschland mehr denn je gefragt, sich im Kampf gegen diese Menschenrechtsverletzung nicht nur zu engagieren, sondern auch nachhaltig zu investieren."
Weitere Informationen finden Sie unter https://www.dsw.org/weibliche-genitalverstuemmelung/
Foto: (c) Brian Otieno/ DSW
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