Kabinettsentwurf SGB VIII-Reform: Kinder- und Jugendhilfe zukunftsfest gestalten
Johanniter fordern verlässliche Hilfen und tragfähige Finanzierung
Berlin (ots)
Die Johanniter-Unfall-Hilfe begrüßt das Ziel der Bundesregierung, die Kinder- und Jugendhilfe angesichts steigender Unterstützungsbedarfe, des Fachkräftemangels und der angespannten finanziellen Situation vieler Kommunen zukunftsfest weiterzuentwickeln. Der am 12. August 2026 vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe enthält dafür wichtige Ansätze. Gleichzeitig sehen die Johanniter Nachbesserungsbedarf, damit individuelle Hilfen, fachliche Qualität und eine verlässliche Finanzierung gesichert bleiben.
Niedrigschwellige Angebote stärken - Bedarfsorientierte Einzelfallhilfe sichern
Die Johanniter unterstützen insbesondere das Ziel, niedrigschwellige und sozialräumliche Angebote zu stärken und Hilfen besser miteinander zu verzahnen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur kann Familien frühzeitig erreichen und Zugänge erleichtern. Sie darf jedoch aus Sicht der Johanniter eine notwendige individuelle Hilfe nicht ersetzen. "Eine starke soziale Infrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Kinder, Jugendliche und Familien frühzeitig Unterstützung erhalten. Entscheidend muss aber weiterhin sein, welche Unterstützung ein junger Mensch oder eine Familie tatsächlich braucht. Wo intensivere Hilfe notwendig ist, muss sie verlässlich zur Verfügung stehen", sagt Thomas Mähnert, Mitglied des Bundesvorstandes der Johanniter-Unfall-Hilfe.
Dies gilt insbesondere für die Hilfen zur Erziehung. Die Johanniter begleiten bundesweit Kinder, Jugendliche und Familien mit sehr unterschiedlichen und teilweise komplexen Unterstützungsbedarfen in ambulanten und stationären Angeboten. Beratungsstellen, Familienzentren und andere niedrigschwellige Angebote können wichtige Bausteine sein. Kommunaler Kostendruck darf jedoch nicht zum entscheidenden Maßstab für die Gewährung einer Hilfe werden.
Auch für die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen in Schule und Ganztag bringt die Reform Veränderungen. Infrastrukturelle Gruppenangebote zur Bildungsassistenz sollen künftig eine stärkere Rolle spielen. Gleichzeitig soll die Einzelassistenz erhalten bleiben, wenn sie aufgrund des individuellen Betreuungsbedarfs erforderlich ist. "Einrichtungsbezogene Unterstützungsangebote können eine Chance sein, Hilfen verlässlicher und flexibler zu organisieren. Entscheidend ist, dass der individuelle Bedarf der Kinder und Jugendlichen weiterhin maßgeblich bleibt. Gleichzeitig müssen Qualität und Finanzierung stimmen", so Mähnert.
Verzögerung bei der inklusiven Gesamtzuständigkeit
Kritisch bewerten die Johanniter, dass die angestrebte inklusive Gesamtzuständigkeit der Kinder- und Jugendhilfe ab 2028 nicht flächendeckend umgesetzt werden soll. Stattdessen sieht der Kabinettsentwurf zunächst eine begrenzte Erprobung der Zusammenführung der Leistungen vor. Zugleich sind wesentliche Fragen zur konkreten Ausgestaltung der Experimentierklausel noch offen. Damit bleibt das Ziel, jungen Menschen mit und ohne Behinderungen Hilfen und Leistungen verlässlich aus einer Hand zugänglich zu machen, vorerst unerreicht.
Aus Sicht der Johanniter kommt es deshalb im weiteren Gesetzgebungsverfahren darauf an, niedrigschwellige Angebote zu stärken, notwendige individuelle Hilfen weiterhin am konkreten Bedarf auszurichten und den Weg zu einer inklusiven Kinder- und Jugendhilfe verbindlich fortzuführen. Eine zukunftsfeste Kinder- und Jugendhilfe braucht eine starke Infrastruktur und zugleich verlässliche individuelle Hilfen für diejenigen Kinder, Jugendlichen und Familien, die weitergehende Unterstützung benötigen.
Über die Johanniter-Unfall-Hilfe
Die Johanniter-Unfall-Hilfe ist mit 35.000 Beschäftigten, mehr als 44.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern und 1,1 Millionen Fördermitgliedern eine der großen Hilfsorganisationen in Deutschland und zugleich ein bedeutendes Unternehmen der Sozialwirtschaft. Die Johanniter engagieren sich in den Bereichen Rettungs- und Sanitätsdienst, Katastrophenschutz, Betreuung und Pflege von alten und kranken Menschen, Fahrdienst für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Hospizarbeit und anderen Hilfeleistungen im karitativen Bereich sowie in der humanitären Hilfe im Ausland.
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