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Zu viel Solar, zu wenig Netz: Wo Deutschlands Energiewende gerade hakt

Zu viel Solar, zu wenig Netz: Wo Deutschlands Energiewende gerade hakt
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Trier (ots)

Der Ausbau der Photovoltaik schreitet schneller voran als je zuvor, doch die Infrastruktur hält nicht Schritt. Überlastete Netze, Abregelungen von Solarstrom und negative Strompreise zeigen: Erzeugung und Verteilung sind aus dem Gleichgewicht geraten. Statt grünen Strom effizient zu nutzen, wird er zunehmend zum Problem im System.

Die Energiewende scheitert aktuell nicht an der Erzeugung, sondern an der fehlenden Verzahnung von Netz, Speicher und Steuerung. Hier erfahren Sie, warum der Netzausbau hinterherhinkt, welche Regionen besonders betroffen sind und welche strukturellen Weichen jetzt gestellt werden müssen, damit der Solarboom nicht zum Bremsklotz der Energiewende wird.

Photovoltaik wächst schneller als das Energiesystem

Der Ausbau der Photovoltaik schreitet in Deutschland so schnell voran wie nie zuvor. Damit entstehen neue Anforderungen an Netze, Speicher und Systemsteuerung, zugleich aber auch die Chance, die Energiewende strukturell weiterzuentwickeln.

Deutschland hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energien erzielt. Allein 2024 verzeichnete die installierte Photovoltaik-Leistung einen der größten Zubausprünge der letzten Dekade. Diese Entwicklung zeigt, dass der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wille zur Transformation vorhanden ist.

Der schnelle Ausbau stellt das Energiesystem jedoch vor neue Herausforderungen. An Tagen mit hoher Solareinspeisung und gleichzeitig geringer Nachfrage – etwa an Sommerwochenenden – entstehen zeitweise Stromüberschüsse. In diesen Stunden sinken die Großhandelspreise teilweise unter null, und einzelne Anlagen werden vorübergehend abgeregelt. Solche Situationen zeigen vor allem, dass Erzeugung, Netz und Speicher künftig enger verzahnt werden müssen.

Das Solarspitzengesetz: ein Schritt zur Systemintegration

Der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung reagiert. Am 25. Februar 2025 trat das Solarspitzengesetz in Kraft. Es regelt, dass neue Photovoltaikanlagen ab 2 kWp in Phasen negativer Börsenstrompreise keine EEG-Einspeisevergütung mehr erhalten. Für Anlagen ab 100 kWp gilt dies bereits ab der ersten negativen Viertelstunde. Anlagen unter 100 kWp ohne intelligentes Messsystem dürfen zudem maximal 60 Prozent ihrer installierten Leistung einspeisen, um weiterhin gefördert zu werden.

Die Regelung schafft Anreize, Solarstrom stärker vor Ort zu nutzen oder zu speichern, statt ihn in Zeiten geringer Nachfrage ins Netz einzuspeisen. Gleichzeitig bleibt die wirtschaftliche Planbarkeit erhalten, da ausgefallene Vergütungsstunden durch eine Verlängerung des Förderzeitraums ausgeglichen werden.

Das Solarspitzengesetz im Überblick (seit 25.02.2025)

  • Keine EEG-Vergütung bei negativen Börsenstrompreisen ab 2 kWp
  • Neuanlagen ≥ 100 kWp: Vergütungsausfall ab der ersten negativen Viertelstunde
  • Anlagen < 100 kWp ohne Smart Meter: maximal 60 % der Leistung vergütungsfähig
  • Förderzeitraum verlängert sich um ausgefallene Stunden
  • Ziel: systemdienliches Verhalten von Anlagen stärken

Netzausbau und Speicher: das Potenzial der nächsten Jahre

Der Netzausbau gehört zu den zentralen Investitionsfeldern der Energiewende. Die Nachfrage nach Netzanschlusspunkten für erneuerbare Anlagen, Batteriespeicher und flexible Verbraucher ist stark gestiegen. Übertragungsnetzbetreiber reagieren mit umfangreichen Ausbauprogrammen. So hat 50Hertz bis 2029 bereits 93 Netzanschlusszusagen mit insgesamt rund 35 Gigawatt erteilt, darunter zahlreiche Batteriespeicherprojekte.

Dass die Nachfrage nach Netzkapazitäten in einigen Regionen größer ist als das verfügbare Angebot, ist eine typische Begleiterscheinung eines dynamischen Marktes. Gleichzeitig zeigt sie, wie groß das Investitionsinteresse in Energieinfrastruktur ist. Um dieses Potenzial zu nutzen, müssen Planungs- und Genehmigungsverfahren beschleunigt und die Koordination zwischen Netzbetreibern, Projektentwicklern und Politik verbessert werden.

Auch Speichertechnologien gewinnen an Bedeutung. Batteriespeicher verbinden schwankende Stromerzeugung mit stabiler Versorgung. Sie können Überschüsse aufnehmen, Lastspitzen ausgleichen und die Vermarktung von Solarstrom flexibler machen. Bundesweit sind derzeit Batteriespeicher mit rund 2,4 Gigawatt Leistung in Betrieb, langfristig könnte die Kapazität laut Prognosen auf bis zu 94 Gigawatt bis 2045 steigen.

Netzausbau und Speicher: Zahlen zum Marktpotenzial

  • 50Hertz: 93 Netzanschlusszusagen mit 35 GW bis 2029
  • Batteriespeicher in Betrieb: rund 2,4 GW
  • Prognose Bundesnetzagentur: bis zu 94 GW Speicherleistung bis 2045
  • Batteriespeicher seit Ende 2025 regulatorisch als eigene Kategorie anerkannt

Drei Handlungsfelder für ein zukunftsfähiges System

Für ein stabiles Energiesystem lassen sich drei zentrale Handlungsfelder identifizieren. Erstens muss der Netzausbau weiter beschleunigt werden. Investitionen in Netzinfrastruktur sind zugleich Investitionen in die Wettbewerbsfähigkeit des Energiestandorts Deutschland.

Zweitens braucht es einheitliche und digitale Prozesse im Netzanschlussmanagement. Mehr als 800 Verteilnetzbetreiber arbeiten derzeit mit unterschiedlichen Verfahren. Einheitliche digitale Schnittstellen und transparente Bearbeitungsstandards würden die Planbarkeit deutlich verbessern.

Drittens ist die Integration von Speichertechnologien entscheidend. Batteriespeicher können Überschussstrom aufnehmen, Netze entlasten und die Flexibilität im Strommarkt erhöhen. Die jüngsten regulatorischen Klarstellungen schaffen hierfür bessere Investitionsbedingungen.

Kooperationsmodelle als Antwort auf die Systemkomplexität

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien steigt auch die Komplexität des Energiesystems. Immer häufiger werden daher Projektmodelle gewählt, bei denen Kommunen, Flächeneigentümer und Investoren gemeinsam an Solar- und Speicherprojekten beteiligt sind. Solche Ansätze verteilen wirtschaftliche Chancen breiter und stärken die regionale Wertschöpfung.

Der Weg zu einem stabilen Energiesystem auf Basis erneuerbarer Energien ist technologisch geebnet. Entscheidend wird sein, Netze, Speicher und Systemsteuerung künftig mit derselben Priorität auszubauen wie die Stromerzeugung selbst. Nur so kann der Solarboom sein volles Potenzial für die Energiewende entfalten.

Über Michael Reichert:

Michael Reichert ist Geschäftsführer und Mitgründer der WI Energy GmbH. Er verantwortet die digitale Transformation sowie die strategische Organisationsentwicklung des Unternehmens. WI Energy plant und betreibt Photovoltaikanlagen im Großmaßstab, entwickelt Speicherlösungen und beteiligt Kommunen und Bürger an innovativen Energiekonzepten. Ziel ist eine nachhaltige, wirtschaftlich tragfähige Energiewende mit gesellschaftlichem Mehrwert. Mehr Informationen unter: https://wi-energy.de/

Pressekontakt:

Dr. René Rüth
Head of Corporate Marketing
Communications & Sustainability
E-Mail: info@wi-energy.de
Web: https://wi-energy.de/

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