Politik prägt die Partnersuche
Politik prägt die Partnersuche
Eine soziologische Studie zeigt, dass beim Dating in den USA die Parteianhängerschaft zählt – aber nicht nur aus politischen Gründen / Veröffentlichung im „European Sociological Review“
Affektive Polarisierung, also die Abneigung gegenüber Anhänger*innen der jeweils anderen Partei, prägt die amerikanische Gesellschaft seit Jahren – unter anderem bei der Partnersuche. Eine neue soziologische Studie von PD Dr. Ansgar Hudde und Shannon Taflinger am Department für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln geht diesem Phänomen genauer nach und untersucht, wie politische Informationen in Dating-Profilen das romantische Interesse junger Amerikaner*innen beeinflussen. Die Ergebnisse sind unter dem Titel „Why do young US Americans avoid cross-partisan dating? A closer look at mediators and variation by gender and party“ in der Fachzeitschrift European Sociological Review erschienen.
Die Studie zeigt, dass Anhänger*innen der Demokratischen Partei dabei vor allem von der Ablehnung der anderen Partei angetrieben werden, während Anhänger*innen der Republikanischen Partei zusätzlich eine Präferenz für Gleichgesinnte zeigen. Der Grund: Politik wird als Signal für Werte, Lebensstil und Charakter sowie die erwartete Reaktion des eigenen Umfelds gelesen.
In einem Online-Experiment bewerteten 1.097 US-Amerikaner*innen im Alter von 20 bis 33 Jahren fiktive Dating-Profile, wie man sie von Dating-Apps wie Tinder, Bumble oder Hinge kennt. Die Profile enthielten zufällig die Angabe „Demokrat“, „Republikaner“ oder keine Parteiinformation. Das Ergebnis: Die politische Passung hat einen bedeutenden Einfluss auf die Wahrnehmung und die Wahrscheinlichkeit der Kontaktaufnahme. Dabei bevorzugen Menschen Anhänger*innen der eigenen Partei zwar nur leicht, lehnen Anhänger*innen der anderen Partei aber weit stärker ab.
Die Studie zeigt, dass Menschen von der politischen Ausrichtung auf Eigenschaften schließen, die nicht direkt Politik zusammenhängen, darunter Werte, Lebensstil und Charakter. Außerdem befürchteten sie die erwartete Reaktion des eigenen Umfelds, also ob die eigene Familie und Freund*innen es wohl gutheißen würden, mit der Person eine Beziehung einzugehen. „Bevor man jemanden auf einer Dating-App anschreibt oder nach links oder rechts wischt, hat man nur ein Profil vor sich – und muss trotzdem schnell urteilen: Passen wir zusammen? Haben wir ähnliche Interessen? Ist die Person freundlich, aufgeschlossen und intelligent? Steht in dem Profil die politische Ausrichtung, nutzen Menschen diese Information, um genau solche Fragen zu beantworten“, so Doktorandin Shannon Taflinger.
Dabei unterscheiden sich Anhänger*innen der Demokratischen und der Republikanischen Partei deutlich: Während „Demokraten“ vor allem die andere Partei meiden, zeigen „Republikaner“ zusätzlich eine klare Präferenz für Gleichgesinnte. Das bedeutet: Demokraten bewerten Profile von Republikanern schlechter als Profile ohne Parteiangabe, unterscheiden aber kaum zwischen Letzteren und Demokraten-Profilen. Republikaner hingegen bewerten Demokraten-Profile schlechter und Republikaner-Profile besser als Profile ohne Parteiangabe. Insgesamt ist Politik beim Dating für demokratische Frauen besonders wichtig, denn diese Gruppe reagiert am stärksten auf politische Informationen in Dating-Profilen und bewerten Profile von Republikanern besonders negativ. Die Ablehnung der anderen politischen Seite ist bei demokratischen Frauen etwa viermal so stark ausgeprägt wie bei republikanischen Frauen oder Männern.
Die beiden Forschenden sehen neben länderspezifischen Unterschieden auch einige Parallelen zum Dating-Verhalten hierzulande: Deutschland sei nicht im gleichen Maße polarisiert, und im Mehrparteiensystem gebe es mehr Abstufungen als im amerikanischen Zwei-Parteien-System – Anhänger von SPD und Grünen würden leichter zueinander finden als die von SPD und AfD. Doch die Autor*innen sehen auch viele Gemeinsamkeiten: Auch in Deutschland suchen viele Menschen über Apps wie Bumble oder Hinge nach Partnern – und können dort ihre politische Haltung angeben, sichtbar direkt neben Beruf oder Beziehungswunsch. „Man kann Leute also aus politischen Gründen aussortieren, bevor man auch nur ein Wort miteinander redet“, sagt Ansgar Hudde. Frühere Studien haben gezeigt, dass junge Frauen und junge Männer auch in Deutschland politisch immer seltener zusammenfinden: „Junge Frauen wählen linker als junge Männer – und dieser politische Gender Gap war in der Bundesrepublik noch nie so groß wie heute“, fügt Hudde hinzu. „Auch in Deutschland dürfte Politik beim Dating eine wachsende Rolle spielen – und die Partnersuche komplizierter machen.“
Inhaltlicher Kontakt:
PD Dr. Ansgar Hudde
Department für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln
+49 221 470 4397
hudde@wiso.uni-koeln.de">hudde@wiso.uni-koeln.de
Presse und Kommunikation: Eva Schissler +49 221 470 4030 e.schissler@verw.uni-koeln.de
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V.i.S.d.P.: Dr. Elisabeth Hoffmann