Gesellschaft für Informatik e.V.
Studie zeigt: Dschungel an Sonderwegen ins Informatiklehramt
In Deutschland fehlt es an Informatiklehrkräften. Ohne Quereinsteigende wird der Bedarf auf Dauer nicht zu decken sein. Die aktualisierte Studie „Werde Informatiklehrer:in!“ der Gesellschaft für Informatik e.V. hat systematisch untersucht, welche Möglichkeiten es in den Bundesländern gibt, in das Informatiklehramt einzusteigen. Das Ergebnis des Ländervergleichs ist alarmierend: Trotz des großen Mangels setzen die meisten Bundesländer nur wenige der empfohlenen Maßnahmen um.
Berlin, 18.03.2026 | Fast alle Bundesländer führen Informatik als Fach auf, für das Lehrkräfte fehlen – doch welche Sonderwege ins Informatiklehramt bieten die Bundesländer an? Die Studie „Werde Informatiklehrer:in!“, gefördert durch die Carl-Zeiss-Stiftung, hat die Erstfassung der Studie aus dem Jahr 2022 aktualisiert und umfangreich erweitert. Als bundesweite Bestandsaufnahme aller Einstiegswege ins Informatiklehramt hat die Studie über alle drei Phasen der Lehrkräftebildung – Lehramtsstudium, Vorbereitungsdienst und Schuldienst – hinweg strukturelle Mängel, aber auch Potenziale identifiziert.
Komplexes Angebot an Sonderwegen in den Bundesländern
Das zentrale Ergebnis ist ernüchternd: Deutschland gleicht einem undurchschaubaren Dschungel an Maßnahmen – kein Bundesland gleicht dem anderen. Die 16 Ländersysteme unterscheiden sich nicht nur im Umfang und der Art der angebotenen Maßnahmen, sondern auch in ihrer Benennung: Was in Hessen Quereinstieg heißt, wird in Hamburg Seiteneinstieg genannt. Das erschwert die Vergleichbarkeit erheblich und stellt potenziell Interessierte vor unnötige Hürden.
Zudem werden die 2023 durch die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) empfohlenen Sondermaßnahmen wie Quereinstiegsmöglichkeiten ins Lehramtsstudium, duale Studienangebote oder Ein-Fach-Varianten im Lehramt nicht konsequent umgesetzt. Quereinstiegsangebote im Lehramtsstudium richten sich häufig an das Lehramt an beruflichen Schulen – doch auch an allgemeinbildenden Schulen herrscht großer Mangel: Mittelfristig besteht ein Mehrbedarf von mindestens 17.000 Informatiklehrkräften, wie Prognosen zur Einführung des Pflichtfachs Informatik zeigen.
Prof. Dr. Nadine Bergner, Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik: „Die Ergebnisse dieser Studie machen den großen Handlungsbedarf deutlich: Ergänzend zu einer Aufwertung des grundständigen Lehramtsstudiums brauchen wir vielfältige, niedrigschwellige Wege ins Informatiklehramt – und eine Bildungspolitik, die endlich begreift: Pflichtfach Informatik und Ausbildungskapazitäten müssen zusammen gedacht und nicht gegeneinander ausgespielt werden.“
Dr. Felix Streiter, Geschäftsführer Carl-Zeiss-Stiftung: „Informatische Kompetenzen sind zentrale Voraussetzungen für die Innovations- und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Nur mit hinreichend vielen qualifizierten Lehrkräften lässt sich informatische Bildung verbindlich in den Schulen umsetzen. Diese Studie unterstreicht, wie dringend notwendig koordinierte Maßnahmen zur Gewinnung von Informatiklehrkräften sind.“
Das Henne-Ei-Problem: fehlendes Pflichtfach und mangelnde Attraktivität
Besonders deutlich wird die Problematik in Berlin, Brandenburg und Hessen – den drei Bundesländern, die bislang kein Pflichtfach Informatik eingeführt haben. Als Begründung wird häufig der Mangel an qualifizierten Informatiklehrkräften angeführt. Diese Argumentation ist jedoch ein struktureller Widerspruch: Ohne verbindlichen Informatikunterricht fehlt der institutionelle Anreiz, Informatik im Lehramt zu studieren – was den Mangel reproduziert, anstatt ihn zu beheben.
Für Lehrkräfte im Schuldienst werden die meisten Maßnahmen angeboten. Berufsbegleitende pädagogische Qualifizierungen ermöglichen zusätzlichen Zielgruppen den Einstieg, Weiterbildungsangebote und Erweiterungsstudiengänge im Fach Informatik erschließen bestehenden Lehrkräften das Fach. Alle Bundesländer bis auf Berlin, Brandenburg und Bremen haben entsprechende Angebote für Informatik als Erweiterungsfach eingerichtet.
Handlungsempfehlungen und Forschungsbedarf
Die Studie zeigt nicht nur den Status quo, sondern formuliert klare Handlungsempfehlungen: „Es braucht vielfältige Quereinstiegsmöglichkeiten ins Lehramt für allgemeinbildende Schulen und mehr Ein-Fach-Varianten – einige Bundesländer können als Vorbilder dienen“, so Prof. Dr. Ira Diethelm, die wissenschaftliche Leiterin der Studie. Zusätzlich fehle es an belastbaren Daten zur Wirksamkeit bestehender Sondermaßnahmen. Systematische Anschlussforschung sei dringend erforderlich, um bildungspolitische Entscheidungen evidenzbasiert treffen zu können.
Die Studienergebnisse sowie einen interaktiven Wegweiser finden sie unter: informatiklehrerin.de
Über die Gesellschaft für Informatik e.V.
Die Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) ist die größte Fachgesellschaft für Informatik im deutschsprachigen Raum. Seit 1969 vertritt sie die Interessen der Informatikerinnen und Informatiker in Wissenschaft, Gesellschaft und Politik und setzt sich für eine gemeinwohlorientierte Digitalisierung ein. Mit 14 Fachbereichen, über 30 aktiven Regionalgruppen und unzähligen Fachgruppen ist die GI Plattform und Sprachrohr für alle Disziplinen in der Informatik. Die GI hat sich Ethische Leitlinien gegeben, die ihren Mitgliedern als Orientierung dienen. Weitere Informationen finden Sie unter www.gi.de
Über die Carl-Zeiss-Stiftung
Die Carl-Zeiss-Stiftung fördert Wissenschaft und Lehre in den MINT-Disziplinen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Als Partnerin exzellenter Wissenschaft ermöglicht sie Freiräume für Grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung. Die Stiftung wurde 1889 von Ernst Abbe in Jena gegründet und ist heute eine der ältesten und größten privaten wissenschaftsfördernden Stiftungen in Deutschland. Sie ist alleinige Eigentümerin der Carl Zeiss AG und der SCHOTT AG. Ihre Fördertätigkeit wird aus den Dividendenausschüttungen der beiden Stiftungsunternehmen finanziert.
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