Europas Selbstbild im Wandel, PI Nr. 12/2026
Ein Dokument
Europas Selbstbild im Wandel
Wie entwirft sich Europa neu, seitdem es seine weltpolitische Vorrangstellung verloren hat? Welche Erzählungen entfalten in Europa integrative Wirkung – oder das Gegenteil? Fragen wie diesen geht das Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ an der Universität Konstanz nach. Wie die Neue Rechte Europa definiert und welche Strategien europäische Unabhängigkeitsbewegungen verfolgen, sind nur zwei der aktuellen Forschungsprojekte des Graduiertenkollegs.
Die Forschung im Graduiertenkolleg „Europa nach dem Eurozentrismus. Narrative einer Weltprovinz im Umbruch“ an der Universität Konstanz dreht sich zentral um die Frage, wie Europa sich selbst erzählt. „ Narrative sind sehr mächtig, sie können Gesellschaften prägen, deren Geschichtsverständnis und selbst den Alltag“, erklärt Philipp Lammers, der das Graduiertenkolleg koordiniert. „Uns geht es um das Zusammenspiel von Erzählungen und Institutionen – welche Erzählungen, auch über Europa, haben sich festgesetzt und harte Realitäten geschaffen? Welche anderen Erzählungen gibt es? Und welche könnte es noch geben?“
Europa und die Neue Rechte
Ein Beispiel aus der Praxis: In ihrem Promotionsprojekt untersucht die Literaturwissenschaftlerin Sara Kimmich, wie Europa in der rechtsextremen Szene begriffen wird und wie die Neue Rechte Europa definiert. Anders, als man vielleicht erwarten würde, nimmt die Neue Rechte keine strikte bzw. einheitliche Gegenposition zu Europa ein, wie Kimmich feststellt: „Bei der Neuen Rechten wird das Thema Europa immer wichtiger, umso mehr, je jünger die Personen sind. Da lassen sich überraschende Tendenzen erkennen, die sich immer mehr von einem nationalistischen Europa abwenden und eher auf ein geeintes Europa zustreben.“
Unabhängigkeit dank Europa?
Gängige Forschungspositionen zu hinterfragen, historische Perspektiven nicht zu kurz kommen zu lassen und die Länder am Rande Europas zu berücksichtigen, all dies schließt das Programm des Graduiertenkollegs mit ein.
In solch einer Randzone Europas liegt die Insel Korsika. Teile der Bevölkerung Korsikas streben Autonomie von Frankreich bis hin zur kompletten Unabhängigkeit an. Diese Unabhängigkeitsbewegungen untersucht die Anthropologin Julia Pitzalis, auch in Verbindung mit anderen, die in Europa agieren: „Die Unabhängigkeitsbewegungen auf Inseln wie Korsika bzw. in Regionen wie dem Baskenland betrachten sich als kolonialisiert und argumentieren, dass sie alle mit denselben Problemen konfrontiert seien. Indem sie sich vereinen, meinen sie, besser gegen die – wie sie es nennen – Kolonialmacht kämpfen zu können.“ Oft suchen diese Bewegungen aktiv die Verbindung zu Europa. „Europa ist für sie Teil des Plans. Denn wenn sie erst einmal unabhängig sind, können sie nicht gut in Isolation weiterbestehen“, sagt Pitzalis.
Detailliertere Informationen über die beiden Forschungsprojekte sowie das Graduiertenkolleg lesen Sie im Digitalmagazin campus.kn der Universität Konstanz.
Seit Oktober 2024 forschen zwölf Promovierende und ein Postdoc an dem interdisziplinär ausgerichteten Graduiertenkolleg, das zunächst über fünf Jahre läuft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert es mit 5 Millionen Euro.
Kontakt: Universität Konstanz E-Mail: kum@uni-konstanz.de
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