Europäischer Rechnungshof - European Court of Auditors
EU ist der Bekämpfung des illegalen Tabakhandels nicht gewachsen
Pressemitteilung
Luxemburg, 8. September 2026
EU ist der Bekämpfung des illegalen Tabakhandels nicht gewachsen
- Fast jede zehnte Zigarette auf dem EU-Markt wird illegal hergestellt oder geschmuggelt.
- Jedes Jahr entgehen der EU und ihren Mitgliedstaaten dadurch schätzungsweise 13 Milliarden Euro an Haushaltseinnahmen.
- EU-Initiativen zur Bekämpfung des illegalen Tabakhandels sind unkoordiniert und ohne klare Ausrichtung.
Der illegale Tabakhandel stellt nach wie vor ein ernstes Problem für die EU dar, da sich sowohl die Herstellung als auch der Schmuggel illegaler Tabakprodukte negativ auf die Finanzen, die öffentliche Gesundheit und die Sicherheit in der EU auswirken. Dies geht aus einem neuen Bericht des Europäischen Rechnungshofs hervor. Die EU-Kommission und die EU-Länder hätten zwar Anstrengungen unternommen, um dieses globale kriminelle Phänomen zu bekämpfen, den Maßnahmen fehle jedoch eine solide Grundlage. Die illegale Tabakherstellung sei in der gesamten EU auf dem Vormarsch, es würden immer ausgefeiltere Schmuggelmethoden entwickelt und die Verbreitung neuer Tabakerzeugnisse nehme zu. Vor diesem Hintergrund kritisieren die Prüfer die länderübergreifende Zusammenarbeit, die nach wie vor lückenhaft sei und der ein innerhalb der EU abgestimmter Ansatz fehle.
Der illegale Tabakhandel habe sich in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Organisierte kriminelle Gruppen hätten die Produktion aus strategischen Gründen aus der Ukraine in die EU verlagert, um die Lieferketten zu verkürzen und einen direkteren Zugang zu den Verbrauchern zu erhalten. Während Schmuggel nach wie vor ein Problem darstelle, habe die illegale Produktion in der gesamten EU zugenommen, und in fast allen Mitgliedstaaten seien illegale Produktionsstätten entdeckt worden. Beispielsweise sei in Belgien eine große illegale Zigarettenfabrik stillgelegt worden, deren Maschinen jeweils rund eine Million Zigaretten pro Stunde produzieren konnten. In der größten jemals in Spanien aufgedeckten illegalen Zigarettenfabrik seien drei Millionen Packungen gefälschter Zigaretten beschlagnahmt worden. Würden diese Zigaretten horizontal übereinandergestapelt, wären sie 56-mal so hoch wie der Mount Everest.
"Die EU kann es sich nicht leisten, den Kampf gegen den illegalen Tabakhandel zu verlieren", so Petri Sarvamaa, der als Mitglied des Europäischen Rechnungshofs für die Prüfung zuständig war. "EU-Kommission und Mitgliedstaaten müssen mehr tun, um dieses kriminelle Phänomen einzudämmen, wenn sie Gesundheit, Geld und Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger wirklich schützen wollen."
Nach Schätzungen der Kommission entgehen den Haushalten der EU und der Mitgliedstaaten jährlich 13 Milliarden Euro aufgrund des illegalen Tabakhandels. Diese Zahl basiere jedoch auf externen Studien und sei daher mit Vorsicht zu interpretieren. Über eine zuverlässige und unabhängige EU-weite Schätzung der Größe des illegalen Tabakmarkts, seiner Struktur und seiner wirtschaftlichen Auswirkungen, beispielsweise in Form von entgangenen Steuereinnahmen, verfüge die EU-Kommission nicht. Solche Daten seien jedoch eine wichtige Voraussetzung, um das Ausmaß des Problems bestimmen und wirksame Maßnahmen ausarbeiten zu können. Bislang beruhe die Berichterstattung der Kommission in erster Linie auf Informationen zu den beschlagnahmten Waren und liefere daher kein vollständiges Bild der Lage.
In den letzten zehn Jahren hätten die EU und ihre Mitgliedstaaten Maßnahmen zur Bekämpfung des illegalen Tabakhandels ergriffen. Das EU-Recht sei jedoch nicht harmonisiert worden, und die Bemühungen der Mitgliedstaaten seien uneinheitlich. Beispielsweise gebe es in der EU keine einheitlichen Regelungen für wichtige Produktionsfaktoren wie Rohtabak und Produktionsanlagen sowie neue Arten von Produkten wie erhitzte Tabakerzeugnisse und Flüssigkeiten für E-Zigaretten. Gleichzeitig ließen die EU-Vorschriften den Mitgliedstaaten freie Hand bei der Wahl der zu ergreifenden Maßnahmen. Dies führe zu Lücken bei der Durchsetzung der Vorschriften, die organisierte kriminelle Gruppen ausnutzen könnten. Insbesondere gebe es Unterschiede bei den nationalen Kontrollsystemen und den Strategien zur Durchsetzung der Vorschriften sowie bei der Definition von Tatbeständen und der Schwere der Sanktionen. Dies könne Kriminelle zur Verlagerung ihrer Aktivitäten in Länder mit weniger strenger Strafverfolgung verleiten. Darüber hinaus würden Informationen zwischen den EU-Ländern auf unterschiedliche Art und Weise ausgetauscht.
In der EU teilten sich mehrere Akteure die Verantwortung für die Bekämpfung des illegalen Tabakhandels. Allerdings gebe es keine zentrale Stelle mit einem klaren Koordinierungsauftrag, sodass die Initiativen fragmentiert seien. Daher fordern die Prüfer die EU-Kommission auf, im Kampf gegen den illegalen Handel mit Tabakprodukten eine aktivere Rolle zu übernehmen.
Hintergrundinformationen
Zwar ist der Tabakkonsum insgesamt weiter zurückgegangen, die Menge an illegalen Tabakprodukten in der EU hat jedoch in den letzten Jahren zugenommen. Nach Schätzungen der Kommission entfielen 8,8 % des gesamten Zigarettenkonsums im Jahr 2023 auf illegale Tabakerzeugnisse. Der illegale Handel mit anderen Tabakerzeugnissen als Zigaretten beläuft sich in der EU auf fast 21 000 Tonnen. Schätzungen zufolge machen diese neuen Erzeugnisse 13 % des Marktwerts der in der EU verkauften Tabakerzeugnisse aus und locken jüngere Verbraucher an.
Illegale Tabakprodukte sind für organisierte kriminelle Gruppen attraktiv, da der Handel mit ihnen sehr rentabel und mit einem vergleichsweise geringen Risiko verbunden ist (die verhängten Strafen sind im Allgemeinen gering und die Aufdeckungsquoten niedrig). Diese illegalen Tätigkeiten stellen nicht nur eine bedeutende Einnahmequelle für Kriminelle dar, sondern untergraben auch die Bemühungen zur Senkung des Tabakkonsums, da sie zu einem Angebot an billigeren Tabakprodukten führen. Daraus resultieren letztlich Verluste bei den Einnahmen aus Zöllen, Mehrwertsteuer und nationalen Verbrauchsteuern.
Im Rahmen der Prüfung wurde die Wirksamkeit der von der EU-Kommission und den Mitgliedstaaten ergriffenen Maßnahmen bewertet. Die Prüfer führten Vor-Ort-Besuche in Belgien, Spanien, Polen und Rumänien durch und nahmen Beispiele für illegale Produktionsstätten in ihren Bericht auf. Der Sonderbericht 23/2026 "Bekämpfung des illegalen Tabakhandels in der EU: Fragmentierte Bemühungen und nach wie vor Lücken" ist in 24 EU-Sprachen auf der Website des Europäischen Rechnungshofs abrufbar.
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