Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF)

NRW-Landtagsanhörung zur Delfinhaltung - Eklat um SPD-Sachverständigen

Hagen (ots) - Anlässlich der NRW-Landtagsanhörung am heutigen Montag zum Piratenantrag, die Delfinhaltung zu verbieten, analysierte das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) die vom Landtag im Vorfeld veröffentlichten Stellungnahmen der Sachverständigen und bezeichnet diese als "streckenweise falsch und unwissenschaftlich".

Der Piratenantrag zielt auf die Schließung des einzigen in Nordrhein-Westfalen verbliebenen Delfinariums im Duisburger Zoo, das seit Jahren in der massiven Kritik von Tierschützern aufgrund der "hohen Todesraten und der katastrophalen Haltungsbedingungen" steht. In einer letztjährigen Stellungnahme für den Bundestag bestätigte der Leiter des Nürnberger Tiergartens, Dag Encke, dass in Duisburg von 26 Delfingeburten bisher nur sieben überlebt hätten. Das WDSF ermittelte über 60 Todesfälle von Meeressäugern seit Bestehen des Duisburger Delfinariums im Jahr 1965 und spricht vom "größten Delfinfriedhof Europas". Das NRW-Umweltministerium bestätigte dem WDSF, dass alleine in den letzten 22 Jahren 15 Delfine im Zoo-Delfinarium verstorben sind.

Der Duisburger Zoodirektor Achim Winkler, der von der SPD als Sachverständiger benannt wurde, bestreitet in seiner Stellungnahme zum Piratenantrag, dass die Delfine an Verhaltensstörungen leiden würden und argumentiert: "Es gibt wissenschaftliche Studien und Publikationen, die belegen, dass die Delfine im Delfinarium die gleichen Verhaltensmuster zeigen wie ihre Artgenossen im Freiland. WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller dazu: "Das Springen über künstliche Hindernisse und nach Gegenständen wie Bällen in der Luft ist Freiland-Delfinen fremd. Außerdem ziehen sie keine Boote mit kleinen Kindern durch das Meer."

Winkler bestätigt in seiner Stellungnahme die Verabreichung von Valium an die Delfine: "Fakt ist, im Duisburger Delfinarium werden den Delfinen nur im krankheitsbedingten Ausnahmefall und nach strikter Anweisung der zuständigen Tierärzte Psychopharmaka verabreicht." Dem WDSF gewährte er bisher keine Akteneinsicht, sodass die Tierschutz-Organisation Klage eingereicht hat, über die das Verwaltungsgericht Düsseldorf Mitte des Jahres entscheiden will. Weiterhin beruft sich Winkler auf die Erfolge bei der Lebenserwartung der im Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) gehaltenen Delfine, dem auch das Duisburger Delfinarium angehört.

Ortmüller: "Es ist Tatsache, dass der in Duisburg 13 Jahre lang bis 2008 tätige Tierarzt Manuel Garcia Hartmann im letzten Jahr wegen "mehrfacher fahrlässiger Tierquälerei" an Delfinen von der Schweizer Staatsanwaltschaft mit einem Strafbefehl belegt wurde. In Duisburg starben während seiner Amtszeit insgesamt fünf Delfine. Seitdem Hartmann in Frankreich für ein Delfinarium arbeitet, starben dort drei Delfine. In der Schweiz wurde er von der Justiz für den Tod von zwei Delfinen im Jahr 2011 verantwortlich gemacht. Dieser Tierarzt ist auch für die Führung des Zuchtbuchs von Delfinen im EEP mit verantwortlich. Einschlägig Kriminelle dürften unseren Erachtens nicht mit der tierärztlichen Obhut von sensiblen Meeressäuger betraut werden."

Der zweite SPD-Sachverständige Wolfgang Rades (Leiter Vogelpark Herborn) sorgte noch vor der Anhörung für einen Eklat. Er betont in seiner Stellungnahme, dass er sich nicht als Experte für die Haltung von Delfinen und Walen bezeichnen würde und sich erst seit 2012 "intensiver mit dem Themenkomplex Delphinarien" befasst hat. Vom Delfinarium Duisburg sei er aber schon "als junger Mensch fasziniert gewesen."

In seiner ablehnenden Stellungnahme zum Delfinhaltungs-Verbotsantrag der Piraten verweist der Vogelkundler mehrfach auf seine leitende Tätigkeit beim NABU und unterzeichnet diese auch mit "NABU". Das brachte das NABU-Präsidium allerdings auf die Palme. Gegenüber der Präsidentin des Landtags, Carina Gödeke, distanziert sich der NABU-Landesvorsitzende Josef Tumbrinck "ausdrücklich" von der Stellungnahme des Sachverständigen Wolfgang Rades und teilt mit: "Die Absenderadresse wie auch der Text vermittelt den Eindruck, dass Herr Rades auch für den NABU die Stellungnahme abgibt und diese Stellungnahme die Meinung des NABU wiedergibt. Dies ist nicht der Fall und ich stelle dies auch nach Rücksprache mit dem NABU-Präsidium ausdrücklich klar. Er ist dazu nicht autorisiert."

Rades rät den Tierschützern in seiner Stellungnahme sich lieber den "immensen Problemen im Natur- und Artenschutz" zu widmen und verweist auf die weltweit alljährlichen rund 300.000 Delfinbeifänge und die "weiteren 25.000 Opfer der barbarischen Delfintreibjagden in Japan, aber auch auf den zu Dänemark und somit zur EU gehörenden Färöer-Inseln, sowie in Peru, Russland und Kanada."

Ortmüller vom WDSF dazu: "Es ist schon traurig, wenn ein Sachverständiger sich mit fremden Federn schmückt und dann auch noch die Färöer-Inseln zu Dänemark und damit zur EU rechnet. Das ist falsch. Die Färöer-Inseln sind ein autonomer Staat und gehören nicht zur EU, sonst wären die alljährlichen tausendfachen Delfinmassaker dort nicht nach europäischen Recht legitim. Wir kämpfen seit Jahren erfolgreich auf wirtschaftlicher, juristischer und politischer Ebene gegen die Delfinbeifänge und gegen die Delfintreibjagden. Das schließt aber nicht aus, gleichzeitig die katastrophalen Haltungsbedingungen in Duisburg und Nürnberg aufzudecken, anzuprangern und die Beendigung der Delfinhaltung zu fordern. Es spricht auch nicht für die SPD, sich eines solch unqualifizierten Sachverständigen zu bedienen."

Der FDP-Sachverständige Vincent Janik (St. Andrews Universität, England) und auch der CDU-Sachverständige Theo Pagel (Präsident des Verbandes Deutscher Zoodirektoren und Kölner Zoodirektor) kritisieren massiv die Aussagen des von den Piraten zitierten Wissenschaftlers PD Dr. Christian Schulze von der Ruhr-Universität Bochum, der sich mehrfach in wissenschaftlichen Stellungnahmen kritisch und begründet gegen die Delfinhaltung ausgesprochen hat. Sie fordern die Delfinhaltung aus Forschungsgründen beizubehalten.

Ortmüller: "Diese Delfinarienbefürworter, die sich als Wissenschaftler brüsten und von der Zooseite mit finanziert werden, scheuen offenbar wie der Teufel das Weihwasser, wenn ein renommierter Universitäts-Wissenschaftler wie Dr. Schulze, der eben nicht auf der Finanzierungsliste der Zoos steht, sich kritisch zur Delfinhaltung und zu teilweise unwissenschaftlichen Forschungsbeiträgen äußert. Der Duisburger Zoodirektor Winkler spricht gar von der Bewertung eines Laien. Warum einem Vogelkundler wie Wolfgang Rades mehr Gewicht gezollt werden soll, lässt Winkler allerdings offen. Das Argument der Forschung bringen die Japaner mit ihrem tödlichen Wal- und Delfinfang auch, gleichwohl wird er weltweit verurteilt. Es darf weder einen quantitativen noch einen qualitativen Unterschied zwischen einem Forschungs- bzw. Haltungsstopp von Delfinen in Gefangenschaft und dem japanischen Töten von Delfinen und Walen aus angeblichen Forschungsgründen geben. Was wir selbst nicht wollen, dass es uns widerfährt, sollten wir auch keinem Tier antun."

Das Wal- und Delfinschutz-Forum hofft, dass die Stellungnahmen der Sachverständigen von Bündnis90/Die Grünen, Dr. Brensing (WDC) und Dr. Maisack (Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht), und für die Piratenpartei, Dr. Tanja Breining (PETA) und Nicolas Entrup (Shifting Values), den Landtag überzeugen, die Delfinhaltung ebenso wie in anderen europäischen Ländern zu beenden.

Gespannt ist WDSF-Geschäftsführer Ortmüller bei der Anhörung auf die Befragung des Münsteraner Zoo-Direktors Jörg Adler. Das Zoo-Delfinarium musste im letzten Jahr schließen, nachdem das WDSF Mängel in den maroden Delfinhallen festgestellt hatte und das Delfinarium keine 20 Millionen Euro für die Renovierung aufbringen konnte. Drei Münsteraner Delfine wurden nach Holland in ein Freiluftgehege transportiert. Zoo-Chef Adler hat bisher bestätigt, dass der Allwetterzoo aufgrund der Schließung keinen Besuchereinbruch, der in Duisburg befürchtet wird, zu verzeichnen hatte.

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