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Große Koalition: Pläne zum Hausarztmodell stoßen bei Krankenkassen auf Ablehnung
"Report Mainz", heute, 10.12.2013, um 21.45 Uhr im Ersten

Mainz (ots) - Bei den gesetzlichen Krankenkassen stoßen Pläne der Großen Koalition zum so genannten Hausarztmodell auf breite Ablehnung. Das geht aus einer Umfrage des ARD-Politikmagazins "Report Mainz" bei allen Ortskrankenkassen sowie Ersatz-, Betriebs- und Innungskrankenkassen mit mehr als 500.000 Versicherten hervor. Danach sind 22 von 26 Kassen, die an der Umfrage teilnahmen, gegen die Koalitionsvereinbarung zur so genannten "hausarztzentrierten Versorgung". Experten wie der Gesundheitsökonom Prof. Stefan Greß von der Hochschule Fulda befürchten zudem erhebliche Mehrkosten von bis zu einer halben Milliarde Euro pro Jahr.

Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag beschlossen, die unter der schwarz-gelben Regierung eingeführten Vergütungsbeschränkungen, wonach die Honorare in der hausarztzentrierten Versorgung diejenigen in der Regelversorgung nicht übersteigen sollten, wieder abzuschaffen. Zudem sollen die Krankenkassen weiterhin gezwungen bleiben, ihren Versicherten hausarztzentrierte Versorgung anzubieten.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach verteidigte im Interview mit "Report Mainz" die Pläne. Wörtlich sagte er: "SPD-Position war immer, dass ein größerer Anteil des Gesamthonorars an die Hausärzte gehen muss (...) Ich bin davon überzeugt, dass diese Regelung den Hausärzten bundesweit hilft. Eine gute vorbeugende Medizin und eine gute Behandlung der chronischen Erkrankung ist ohne die Hausärzte nicht möglich. Man muss die Kassen verpflichten, Dinge zu tun, die nachweislich den Patienten helfen."

Die so genannte hausarztzentrierte Versorgung (HzV), auch Hausarzt-Modell genannt, ist jedoch seit Jahren umstritten. Der Hausarzt soll dabei als eine Art Lotse im Gesundheitssystem dienen. Die Patienten binden sich dabei für mindestens ein Jahr an ihren Hausarzt und nehmen dabei Einschränkungen bei der freien Arztwahl in Kauf. So sollen teure Doppeluntersuchungen und unnötige Krankenhauseinweisungen verhindert werden. Seit 2009 sind die gesetzlichen Krankenkassen verpflichtet, ihren Versicherten diese Form der Versorgung anzubieten, und schließen dazu Verträge in der Regel mit den Hausarztverbänden ab, in denen unter anderem die Vergütung für die Hausärzte geregelt ist. Diese erzielen dabei deutlich höhere Honorare als in der Regelversorgung. So berichtet die DAK, in ihren Verträgen seien es bis zu 50 Prozent mehr.

Während etwa die AOK Baden-Württemberg Vorteile für die Patienten durch eine von ihr finanzierte Studie belegt sieht, können laut Umfrage von "Report Mainz" insgesamt 20 von 24 Kassen, die derzeit HzV-Verträge abgeschlossen oder unterschriftsreif vorliegen haben, keine Verbesserung der ärztlichen Versorgung feststellen oder konkrete Ergebnisse vorlegen. Der Gesundheitsökonom Prof. Stefan Greß, der zur Hausarztversorgung forscht und seit vielen Jahren vor dem Hausarzt-Modell warnt, sagte im Interview mit "Report Mainz": "Es gibt keine umfassenden Studien darüber, dass die Qualität der Versorgung für die Patienten besser geworden ist. Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen halte ich das Modell der hausarztzentrierten Versorgung insgesamt für gescheitert."

Weitere Informationen unter www.swr.de/report. Zitate gegen Quellenangabe "Report Mainz" frei. Fragen bitte an "Report Mainz", Tel. 06131/929-33351.

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