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23.07.2018 – 21:00

Westfalen-Blatt

Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Integrationsdebatte

Bielefeld (ots)

Es war schon klar, dass die Diskussion um Mesut Özil kein gutes Ende nehmen würde. Weder für den nun ehemaligen Nationalspieler noch für die Verantwortlichen auf Seiten des Deutschen Fußball-Bundes. DFB-Präsident Reinhard Grindel und Team-Manager Oliver Bierhoff steht womöglich noch bevor, was Özil aus eigener Kraft, aber nicht aus einer Position der Stärke vollzogen hat: der unehrenhafte Abgang.

Dass darüber nun eine Rassismus-Debatte in Deutschland entbrannt ist, zeigt, wie aufgeladen das gesellschaftspolitische Klima in unserer Republik dieser Tage ist. Offenkundig aber ist Özils Beratern mit dem selbstverliebten Statement in drei Akten ein Coup gelungen. Während das nach wie vor unentschuldigte und auch nicht mehr zu entschuldigende Fehlverhalten ihres Klienten in den Hintergrund zu rücken scheint, wird darüber gestritten, wie Integration in unserer Republik überhaupt gelingen kann.

Dabei stellt sich die Frage, ob das Interesse an gelingender Integration überhaupt groß genug ist oder ob sich nicht erschreckend weite Teile der so genannten Mehrheitsgesellschaft wie auch unübersehbar große Teile der - in diesem Fall - türkischstämmigen Minderheit lieber am Scheitern der Integrationsbemühungen ergötzen und so ihre wechselseitigen Vorurteile bestätigt sehen. Der Verdacht liegt angesichts der vielen unerträglichen Hass-Kommentare in den Netzwerken einerseits wie türkischer Stimmen andererseits nahe. Bricht sich dieser destruktive Impuls weiter Bahn, dürfte der Schaden für Land und Leute weitaus größer werden, als es jeder Rücktritt eines Nationalspielers jemals sein könnte. Nun könnte es sich rächen, dass der DFB über Jahre hinweg die Nationalmannschaft als Musterbeispiel gelungener Integration präsentiert und emotional regelrecht überdehnt hat, ohne offenkundig jemals positiv definiert zu haben, was Eckpunkte einer solchen Integrationsleistung sind und unverbrüchlich sein müssen. Denn wäre es anders gewesen, hätten die Verantwortlichen beizeiten gewusst, was zu tun und was besser zu lassen ist. Dazu fehlte aber offensichtlich der Kompass oder der Mut - oder im schlimmsten Fall sogar beides. Was mit Blick auf DFB-Präsident Grindel, der ja ein politischer Mensch ist und fast 14 Jahre für die CDU im Bundestag saß, doppelt schwer wiegt.

Überhaupt stellt sich die Frage, ob beim DFB nicht allzu gern sportlicher mit gesellschaftspolitischem Erfolg verwechselt wurde. Denn so sehr der Profifußball ein globalisiertes Produkt ist, so sehr sind die Mechanismen, nach denen er funktioniert, an Siegen und knallhart am Profit orientiert. Das prägt auch die Profis, die zuerst Unternehmer in eigener Sache sind. Und ein Großteil der Millionen Kunden, die der Facebook-König Mesut Özil hat, sind nun einmal Türken.

Überdies: Jeder, der Fußball spielt und diesen Sport liebt, weiß, dass Erfolg hier allen Bemühungen zum Trotz nicht exakt planbar ist. Bierhoff jedoch hatte das offenbar vergessen, als er versuchte, die anschwellende Debatte um die Fotos, die Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gemacht hatten, per Anweisung zu beenden. Denn sein Kalkül beruhte ja darauf, dass Siege bei der WM die Diskussion zum Erliegen bringen würden. Als diese Siege ausblieben, versuchten er und Grindel jene heuchlerische Kurswende, die es Özil erst möglich machte, sich als Opfer darzustellen. Dabei ist er genau das nicht. Nein, Özil ist ein erwachsener Mann, der für das, was er tut, verantwortlich zu machen ist. Vor diesem Hintergrund hat er sich mit »seiner«, nur auf Englisch verfassten Erklärung keinen Gefallen getan: Während man den 29-Jährigen bis dato bloß für naiv halten konnte, kommt man nun kaum umhin, ihm ein bedenkliches Maß an Dummheit zu attestieren. Und um mit einer weiteren Legende aufzuräumen: Manuel Neuer oder Thomas Müller wäre ein Foto mit Erdogan ebenso um die Ohren geflogen. Und zwar zu Recht - genauso übrigens, wie Lothar Matthäus wegen seiner PR für Wladimir Putin scharf zu kritisieren ist.

Wie es sich anfühlt, wenn zwei Herzen in einer Brust schlagen, kann nur derjenige ermessen, der zwei Länder seine Heimat nennt. Daraus einen Vorwurf zu konstruieren, ist ebenso absurd wie am Mitsingen der Nationalhymne festzumachen, ob jemand integriert ist. Wäre es so, hätte es viele Nationalmannschaftskarrieren gar nicht geben dürfen. Alte Fernsehaufnahmen - nehmen wir nur die Weltmeisterelf von 1974 - geben da Aufschluss.

Sicher, die Zeiten mögen sich geändert haben. Doch so wenig damals Anstoß an schweigenden Kickern genommen wurde, so wenig können wir heute sagen, was das Deutschsein, was unsere Identität und unsere Gesellschaft ausmacht. So ist es kein Wunder, dass wir noch am besten zu artikulieren vermögen, wenn gegen unsere Art zu leben verstoßen wird.

Der Begriff Leitkultur ist zu vergiftet, um ihm eine Renaissance zu wünschen. Die Debatte in dieser Sache aber werden wir endlich ernsthaft führen müssen. Und Verfassungspatriotismus ist das Mindeste, was wir uns dabei gegenseitig abverlangen müssen.

Denn solange wir nicht wissen, wer wir sind und was wir sein wollen, wird Integration immer Stückwerk bleiben - egal ob auf dem grünen Rasen, beim Verfassen des längst überfälligen Einwanderungsgesetzes oder ganz simpel im Alltag auf der Straße, im Beruf und in der Nachbarschaft.

Pressekontakt:

Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
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