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Westfalen-Blatt: Das Westfalen-Blatt (Bielefeld) zum Thema Milleniumsgipfel:

Bielefeld (ots) - Es geht um Geld, aber nicht nur. Beim Milleniumsgipfel in New York soll nach zehn von 15 Jahren überprüft werden, wie die Umsetzung von acht selbst gesteckten Entwicklungszielen vorankommt. Wichtigstes Zwischenfazit: Hunger und Armut in der Welt sind seit dem Jahr 2000 weniger, aber längst nicht halbiert worden. Manche Fortschritte in Bildung, Landbau und Kleinhandel sind allerdings nicht Folge der guten UN-Absichten, sondern Ergebnis gestiegener Rohstoff- und Agrarpreise von 2004 bis 2008. Außerdem: Bric, die Abkürzung der Börsianer für Brasilien, Russland, Indien, China, steht nicht länger für Hungerleider und Pennystocks. Vielmehr wandeln sie sich zu dynamischen Wachstumsländern, die übrigens von der Weltfinanzkrise seit Ende 2008 weniger als andere getroffene wurden. Deshalb ist das Fazit, das Angela Merkel (CDU) gestern vor den Vereinten Nationen zog, in puncto Eigenlob in Teilen berechtigt, zu großen Teilen aber auch Ergebnis anderer Faktoren. Wichtiger ist ihre weitergehende Botschaft: »Ohne eigenes, sich selbst tragendes Wirtschaftswachstum wird für die Entwicklungsländer der Weg aus Armut und Hunger zu steil bleiben.« Es waren durchaus unangenehme und belehrende Sätze, die die deutsche Kanzlerin als Repräsentantin langer und fairer Entwicklungspartnerschaft vielen Nehmerländern vorhielt. Noch deutlicher wurde ihre Fachminister Dirk Niebel (FDP), der den Finger tief in die Wunde bohrte. Ohne Nigeria, Simbabwe, Indonesien oder Birma stellvertretend für viele zu nennen, sprach er Klartext. Arme Länder, die reich an Schätzen seien, ließen ihr Volk nicht daran teilhaben, investierten kaum im eigenen Land und erhöben nicht einmal Steuern. Dutzende der Zuhörer im großen Weltsaal der Vereinten Nationen durften sich von Merkel und Niebel persönlich auf die Füße getreten fühlen. Die Frage bleibt, wie weit sie überhaupt zuhörten. Die Behauptung, Deutschland biedere sich an, um einen Platz als nichtständiges Mitglied im Sicherheitsrat zu ergattern, ist angesichts solcher unbequemen Worte falsch. Dennoch beschränkten sich gestern die heimische Opposition und Hilfsorgansationen auf das Dauerlamento, das deutsche Engagement sei beschämend gering und nicht freigiebig genug - wohlgemerkt, es geht um das drittgrößte Geberland weltweit. Tatsächlich wird das schon 1970 im Deutschen Bundestag formulierte Ziel, 0,7 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt in die Weltentwicklung zu stecken, bis 2015 kaum erreicht. Entscheidend sollte der Effekt der eingesetzten Steuer-Milliarden sein, nicht eine Quote. Die weltweiten Milleniumsziele sind dabei ein durchaus brauchbarer Maßstab. Es gibt noch Chancen, sie zumindest in Teilen zu erreichen. Diese Anstrengung ist aller Ehren wert. Außerdem: Warum sollen sich die Deutschen nicht über Teilerfolge ein wenig mitfreuen und Stolz auf ihre große Hilfsbereitschaft empfinden?

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