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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu Jürgen Rüttgers

Bielefeld (ots) - Jürgen Rüttgers will sauber bleiben. Deshalb wird er Rot-Grün mit dunkelroter Hilfe am 13. Juli gewähren lassen, ohne sich gegen das Unvermeidliche zu stemmen. Er wird nicht einmal als Oppositionsführer Hannelore Kraft in die Parade fahren, wenn deren mittelfristig zum Scheitern verurteiltes Regierungs-Experiment stockt und stolpert. Dass es so kommt, ist relativ gewiss. Die Frage ist nur, wie lange es dauert, wie viele gute Reformen erst kaputtgemacht werden müssen. Rüttgers hat am 9. Mai verloren, und das wird jetzt jedermann vor Augen geführt: Er muss Kraft vermutlich schon am 13. Juli nach dem ersten Urnengang die Hand reichen und ihr zur Wahl als Ministerpräsidentin gratulieren. Er muss die Staatskanzlei räumen und Entourage samt Dienstwagen gegen ein Gefährt und hilfreiche Geister aus der Landespartei tauschen. Auch die Minister und Staatssekretäre von CDU und FDP werden den Genossen von Rot und Grün weichen, zumindest vorerst. Wer das schon für einen Politikwechsel hält, darf zufrieden sein. Der einfache Abgeordnete aus dem Wahlkreis Rhein-Erft I dagegen sollte die neue Freiheit genießen. Wie jedes Jahr wird er ganz privat in den Sommerurlaub fahren. In dem Ferienhaus, das seine Frau mit in die Ehe gebracht hat, gibt es immer was zu tun. Ganz neu ist die Erfahrung nicht. 1998 fiel Jürgen Rüttgers schon einmal unsanft in den Alltag zurück, als der Bonner Zukunftsminister mit dem Ende der Ära Kohl nicht mehr gebraucht wurde. Dennoch sollte niemand darauf wetten, dass Rüttgers tatsächlich seine zweite Doktorarbeit schreibt, wie er einmal für den Fall der Fälle andeutete. Rüttgers will die Große Koalition und hält sich weiter für sie bereit. Nachdem er in der vergangenen Woche in einem Wutanfall Hannelore Kraft die »schlimmste Wählertäuschung« der Landesgeschichte um die Ohren gehauen hat, schaltet er jetzt zurück und hält sich als Elder Statesman bereit. Der Wartestand darf allerdings nicht ewig währen. Bis zum Parteitag mit Vorstandswahl im Frühjahr sollte es nach dem CDU-Wunschfahrplan schon neue Landtagswahlen gegeben haben. Falls auch diese von der Union vergeigt werden, ist das Kapitel Rüttgers sowieso beendet. Anderenfalls, und daran glaubt die Partei, ist Rüttgers Bestätigung als Landesvorsitzender Formsache. Auch das Amt als stellvertretender Bundesvorsitzender bleibt Rüttgers erhalten. Es gibt keinen Grund für Angela Merkel, ihren nicht unbedingt geliebten Statthalter am Rhein zusätzlich zu schwächen. Das früher vielleicht einmal gefährliche Triumvirat Roland Koch, Christian Wulff und Jürgen Rüttgers hat sich - aus den verschiedensten Gründen - schließlich selbst zerlegt. Rüttgers hat nur dann eine Chance auf Rückkehr in die Staatskanzlei, wenn er bei Frau Kraft so dialogbereit bleibt, wie er künftig handzahm gegenüber Angela Merkel sein muss.

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