Europäische Ermittler fordern Militär-Einsatz gegen Kokainschmuggler
Hamburg (ots)
Europäische Ermittler fordern einen Einsatz von Marineverbänden im Kampf gegen Kokainschmuggler im Atlantik. Das geht aus einem vertraulichen Dokument hervor, das NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung vorliegt. Bei dem Papier handelt es sich um eine Risikoanalyse der EU-Organisation MAOC-N (Maritime Analysis and Operations Centre – Narcotics), einem Zusammenschluss europäischer Anti-Drogen-Behörden. Es stammt aus dem Frühjahr 2026 und trägt den Titel „Call to Action“.
Die Analyse zeigt Trends im transatlantischen Kokainschmuggel: Als besondere Risiken werden die wachsende Rolle Westafrikas als Transitregion genannt sowie der stärkere Einsatz von Halbtauch-U-Booten und Speedbooten. Um effizient gegen die Banden vorgehen zu können, müssten die EU-Staaten ihre Gesetze anpassen und Marineverbände vor Westafrika und im Seegebiet zwischen den Azoren und Kanaren gegen Schmuggler einsetzen können. Zudem seien rechtliche Rahmenbedingungen nötig, um künftig gezielt auf die Motoren der Drogenboote schießen zu dürfen („disabling fire“).
Nach Schätzungen von MAOC-N wurden allein im Jahr 2025 etwa 700 Tonnen Kokain nicht abgefangen, weil Strafverfolgungsbehörden die notwendigen Mittel fehlten.
In den vergangenen Jahren hatten kriminelle Banden den Drogentransport insbesondere über große europäische Containerhäfen wie Antwerpen, Rotterdam und auch Hamburg abgewickelt. Dort wurden zuletzt Sicherheitsmaßnahmen verschärft.
Inzwischen haben die Banden mit neuen Schmuggelrouten und Methoden reagiert. Nach Angaben von Ermittlern wird derzeit viel Kokain aus Lateinamerika per Schiff Richtung Europa gebracht und noch auf dem offenen Meer auf Speedboote verladen. Anschließend steuern diese kleinen Boote die europäische Küste oder – über spanische und portugiesische Flüsse – direkt das Hinterland an. Die Schiffe fahren bis zu 150 Stundenkilometer schnell und sind den Booten des Zolls und der Polizei oft überlegen.
Andy Kraag, der bei Europol die Abteilung für Schwere und Organisierte Kriminalität leitet, spricht von einem „Kokainhighway“, der zwischen den Azoren und den Kanaren entstanden sei. „Es kommen große Schiffe mit Kokain an Bord, und auf einmal tauchen hunderte Go-Fast-Boote auf, die dann die Logistik bereitstellen und dafür sorgen, dass das Kokain umgeladen wird. Es kann dabei um zehn Tonnen gehen oder auch um 30 Tonnen.“
Die Jagd auf diese kleinen und wendigen Boote ist für Sicherheitsbehörden gefährlich. Die Recherchen von NDR, WDR und SZ mit Le Monde, (Frankreich), Washington Post (USA), IrpiMedia (Italien) und NRC (Niederlande), zeigen, dass seit 2024 14 europäische Beamte bei den Einsätzen verletzt wurden, fünf wurden getötet. Die Europäische Kommission hatte bereits Ende 2025 in einem Positionspapier eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Polizei und Strafverfolgungsbehörden im Kampf gegen den Drogenschmuggel in die Diskussion gebracht. Eine Sprecherin der Europäischen Kommission erklärte auf Nachfrage, dass man den Missbrauch von Speedbooten als Sicherheitsproblem erkannt habe. Derzeit befinde man sich hierzu im Austausch mit den Mitgliedsstaaten. Insbesondere vor Westafrika und bei den Hotspots im Atlantik könnten Marineeinheiten der Mitgliedsstaaten "eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Maßnahmen zur Bekämpfung des Schmuggels" illegalen Handels spielen. Zur Forderung nach "Stop-Schüssen" gegen Speedboote äußerte sich die Sprecherin nicht.
Auf Nachfrage erteilte ein Sprecher des Innenministeriums in Berlin der Forderung nach einer stärkeren Einbindung der Marine eine Absage. Ein Einsatz der Bundeswehr zur Kriminalitätsbekämpfung sei grundsätzlich nicht vorgesehen.
Zur Recherche gibt es im NDR Info Podcast „Organisiertes Verbrechen“ die dreiteilige Podcast-Staffel „Kokain ohne Ende“, zu finden in ARD Sounds und auf allen gängigen Podcastplattformen. Ausführliche Informationen zu der Recherche gibt es auch auf tagesschau.de und bei 11KM: der tagesschau-Podcast.
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