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Neue Westfälische (Bielefeld): Kommentar Fehlende Entscheidungsfreude Kämpfen statt kneifen STEFAN SCHELP

Bielefeld (ots) - Man stelle sich nur mal vor, das Faxgerät hätte nicht funktioniert. Die Brüsseler Vorwahl wäre besetzt gewesen. Die Mail wäre steckengeblieben, weil die Bänker "kein Netz" gehabt hätten. Dann hätten die Brüsseler Spitzen leichtes Spiel gehabt mit der WestLB, dem einstigen Schwergewicht unter den deutschen Landesbanken. Obwohl - eigentlich wäre das ja auch schon egal gewesen. Denn die Düsseldorfer Streithähne haben das Schicksal des NRW-Bankenriesen ja auch so vertrauensvoll in die Hand des EU-Kommissars Joaquín Almunia gelegt. Drei Varianten haben sie den Wettbewerbshütern vorgelegt: Verkauf, Verkleinerung oder Verbundbank für die Sparkassen. Frei nach dem Motto: Sucht euch was aus, wir wissen es auch nicht. All jene auf deutscher Seite, die Verantwortung übernehmen sollten - Politiker ebenso wie Banker -, haben eben diese Verantwortung stattdessen an Brüssel abgeschoben. Sie liefern sich ausgerechnet denen aus, deren Einmischung sie in der Vergangenheit immer wieder nach Kräften gegeißelt haben. Dieses Verhalten ist möglicherweise noch peinlicher als ein in allerletzter Minute nicht funktionierendes Faxgerät. Kein Wunder, dass die EU-Wettbewerbshüter verblüfft waren - kneifen sind sie von deutscher Seite bislang nicht gewohnt. Und dabei stehen die WestLB-Verantwortlichen mit ihrer Strategie keineswegs allein da. Auch andere Banker haben das Wegducken für sich entdeckt. Zum Beispiel der vielgelobte Chef-Bundesbanker Axel Weber, der Ende April das Feld räumen will. Mr. Hartgeld, der Falke, der Beschützer des stabilen Euros. In den Führungsgremien der Europäischen Zentralbank habe er sich mit seiner Position isoliert gefühlt, weil er seine Vorstellungen von der aus seiner Sicht richtigen Währungspolitik nicht habe durchsetzen können. Diese Begründung hat er nachgeschoben, einige Tage nach seiner Rücktrittsankündigung. Durch diese Verspätung ist sie verpufft. Hätte er sich sofort und deutlich positioniert, wäre sein Verzicht ein Signal gewesen - so aber wirkt sie wie ein Kneifen. Der oberste Bundesbänker hätte kämpfen können, seine Position bei der Europäischen Zentralbank weiter bekräftigen können. Stattdessen hat er offenbar das eigene Vertrauen in die Überzeugungskraft seine guten Argumente verloren. So allerdings vermitteln die Landes- und Bundesbänker ein Bild der Verzagtheit. Und das ist mit Sicherheit nicht die Basis, von der aus ein neuer deutscher Kandidat den Sprung an die Spitze der europäischen Zentralbank schaffen könnte. Einen positiven Nebeneffekt haben die unfreiwilligen Personalrochaden an Deutschlands Bankenspitze immerhin: Die Bundesbank wird sich mit Jens Weidmann (42) an der Spitze deutlich verjüngen. Und mit Sabine Lautenschläger (46), die von der Bankenaufsicht kommt, wird die Bank weiblicher. Diese Veränderung bringt uns voran: Denn Frauen kneifen bekanntlich nicht. Jedenfalls nicht im übertragenen Sinne.

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