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Mittelbayerische Zeitung: Attraktivität entscheidet Leitartikel zum Arbeitsmarkt

Regensburg (ots) - Allmählich wird es unheimlich. Mit jedem neuen Arbeitsmarktbericht ertönen immer lautere Jubelarien. Die nackten Zahlen geben ja fürwahr Anlass zu guter Stimmung. Im Mai oder spätestens im Juni wird bei der Zahl der Arbeitslosen die Drei-Millionen-Marke unterschritten werden - eine auch psychologisch sehr angenehme Vorstellung. Keine Frage: Die Statistik zeigt oberflächlich ein sehr positives Bild, darunter aber gibt es vielschichtige Verschiebungen - mit Gewinnern und Verlierern. Auf absehbare Zeit scheint der Schwung kaum zu stoppen. "Die Entwicklung ist nachhaltig. Diesen Aufschwung werden wir so leicht nicht los", glaubt der Chefökonom der Dekabank. Fünf Millionen Arbeitslose, so wie wir sie 2005 hatten, werde es so schnell nicht wieder geben, meint ein anderer Experte. Sie haben Recht - so lange keine schweren Schocks die schönen Prognosen über den Haufen werfen. Denn all den Voraussagen ist gemein, dass sie genau solche einschneidenden Ereignisse nicht vorhersehen und damit auch nicht kalkulieren können. Allerdings lehrt die jüngere Vergangenheit, dass eben derlei Einschläge in immer kürzeren Intervallen erfolgen. Die internationale Schuldenkrise etwa kann jederzeit das gesamte Gefüge in seinen Grundfesten erschüttern. Ungeachtet dessen wird zunächst einmal an der Erfolgsstory weitergeschrieben. Die Zahl der Erwerbstätigen steigt, auch die der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Die gute Nachricht dabei: Es finden zunehmend wieder benachteiligte Gruppen eine Stelle, so zum Beispiel Geringqualifizierte oder ältere Menschen - allerdings in noch lange nicht ausreichendem Maße. Gerne wird kritisiert, dass in der Aufschwungphase vor allem niedrig entlohnte Jobs angeboten werden. Doch der Vorwurf zielt zunächst ins Leere. Wo sonst sollen die Arbeitsplätze entstehen, wenn bei Fachkräften und Hochqualifizierten so gut wie Vollbeschäftigung herrscht? Das Entrée von unten ist keine Merkwürdigkeit, sondern hat eine gewisse Logik. Allerdings müssen sich auf der anderen Seite Arbeitgeber und ihre Interessenverbände schon fragen lassen, warum sie lauthals über ein mangelndes Angebot an Arbeitskräften klagen, andererseits aber die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten gerne länger arbeiten würde, man sie aber nicht lässt. Oder warum sie Kräfte aus Osteuropa ersehnen und umwerben, die ab 1. Mai endlich ohne Hürden hier arbeiten dürfen - die aber den meisten Schätzungen zufolge kein übersteigertes Interesse an Deutschland haben. So etwas nennt man mangelnde Attraktivität. Hier rächen sich Verhaltensmuster, die noch vor nicht allzu langer Zeit keineswegs von solch großer Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern geprägt waren, wie sie heute in keiner öffentlichen Rede fehlen darf. Sie hat sich entgegen den Verlautbarungen auch keineswegs überall durchgesetzt. Es bildet sich eine zunehmende Spaltung heraus: In jene Branchen und Unternehmen, die den demografischen Wandel und internationalen Wettbewerb verstanden haben; und in jene, die den Mitarbeiter wie eine Maschine behandeln, die man aus Kostengründen nicht pflegt und sich dann ärgert, wenn sie ihren Dienst versagt, nachdem sie verbraucht ist. Oder die in diesem Wettbewerb um die Köpfe aufgrund ihres Umfeldes nicht mithalten können. Diese Betriebe werden künftig kaum noch guten Nachwuchs bekommen, womit sich ihr Niedergang beschleunigt. Die Rochade wird an Tempo zulegen. Dabei wird es eine große Zahl Gewinner und Verlierer geben - sowohl aufseiten der Unternehmen als auch der Arbeitnehmer.

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