Alle Storys
Folgen
Keine Story von Universität Duisburg-Essen mehr verpassen.

Universität Duisburg-Essen

Verschickungskind - und das Leben war danach anders

Verschickungskind - und das Leben war danach anders
  • Bild-Infos
  • Download

EMBARGO: 31. Juli 19:45 Uhr

Studierende erforschen Betroffenenperspektive

Verschickungskind – und das Leben war danach anders

Essen, 30.Juli 2026

Oral History öffnet Zugänge: zu selbst erlebter Geschichte, eingebunden in die politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zeitläufe. Oral History ist für 26 Bachelor-Studierende im Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen der Türöffner zur Perspektive von betroffenen „Verschickungskindern“. In einem Lehr-Lern-Projekt führten die Studierenden Interviews und werteten sie wissenschaftlich aus.

EMBARGO: 31. Juli 19:45 Uhr

Zehn Millionen Kinder und Jugendliche wurden in der Bundesrepublik zwischen 1945 und 1990 auf Kuren verschickt. Viele von ihnen waren dort Gewalterfahrungen ausgesetzt. Seit 2019 ist das Thema durch das Engagement von Betroffenen in den Medien sehr präsent und findet in der Politik immer mehr Aufmerksamkeit. Nachdem in der wissenschaftlichen Aufarbeitung zunächst die Sicherung und Auswertung von Dokumenten aus Heimen, Behörden, Krankenversicherungen und Sozialträgern im Vordergrund stand, gewinnt die Betroffenen-Perspektive zunehmend an Bedeutung.

An der Universität Duisburg-Essen haben 26 Bachelor-Studierende u.a. für Lehramt in einem Seminar am Historischen Institut in lebensgeschichtlichen Oral-History-Interviews erforscht, wie Gewalterfahrungen die Kinderkuren und das Leben „danach“ geprägt haben. So sind zwölf berührende Interviews entstanden. Mit sorgfältig ausgewählten Zitaten, Audio-Sequenzen und historischen Dokumenten wie Postkarten und Fotos spürten die Studierenden dem subjektiven Erleben der ehemaligen Verschickungskinder nach. In der wissenschaftlichen Auswertung dieser partizipativen Forschung wurde die Einbettung des Erlebten in die Hintergrundfolie gesellschaftlicher Entwicklungen sowie zeitgenössischer Auffassungen von Autorität in Staat, Institutionen und Familie nachvollziehbar. In den negativen Kurberichten spiegelt sich ein spezifisches Verständnis von Kindheit und Erziehung wider, das auf Anpassung, Disziplin und Gehorsam ausgerichtet war.

Die Interviews machen vielschichtige Gewalt- und Leiderfahrungen sowie die lebensverändernde Dimension individueller Betroffenheit sichtbar: „…du bist als Kind weg von allem. Du denkst dir ‚Mama‘ und du hast keine Erklärung. Du bist in einem schrecklichen Gefühlspool drin, aus Angst, auch Angst vor Übergriffen, vor Gewalt. Ich hatte auch Angst vor Gewalt. Warum hatte ich Angst vor dem Speisesaal? Warum hatte ich Angst vor dieser Suppe? “, berichtet Regina Basic. Und weiter: „Ich glaube, ich bin nicht mehr ganz wiedergekommen. Und zwar auch heute noch nicht. So grausig sich das anhört.“ Seminarleiter Dr. Helge-Fabien Hertz ordnet ein: „Gerade in den ersten Nachkriegsjahrzehnten standen Kindheitsbedürfnisse oftmals weniger im Vordergrund als der reibungslose Ablauf der Kuren.“ Zugleich betont er, dass die Kontextualisierung der Zeitzeugenberichte entscheidend sei: „Die Interviews eröffnen einen authentischen Zugang zu den subjektiven Erfahrungen der Betroffenen. Die Aufgabe der Forschung ist es, die geschilderten Ereignisse und Abläufe geschichtlich einzuordnen und mit anderen Quellen zu verbinden, um ein möglichst ganzheitliches Bild zu gewinnen.“

Für die Studierenden sieht Hertz den Mehrwert vor allem in der Möglichkeit, einen frühen Einblick in die Forschungspraxis und das Berufsfeld von Historiker:innen zu erhalten: „Mit diesem Projekt ist der Erwerb von Fach-, Methoden-, Team- und gesellschaftlicher Kompetenz hervorragend gelungen.“ Das Best-Practice-Projekt für forschungs- und produktorientierte sowie gesellschaftsrelevante Lehre biete zudem mannigfaltige Anschlussmöglichkeiten für Qualifikationsarbeiten: „Insgesamt steht die Forschung noch am Anfang.“

Die Studierenden blicken sehr positiv auf das Projekt: „Teil dieses wichtigen Projekts zu sein und selbst ein Interview mit einer verschickten Person führen zu können, hat meinen Blick auf das Geschichtsstudium nachhaltig verändert. Die Möglichkeit, selbst aktiv an der Dokumentation und Erforschung von Geschichte mitzuwirken, war eine ganz neue Erfahrung: von der Theorie zur Praxis!“, sagt Studentin Mira Saly Mohtar.

Weitere Informationen:

Veröffentlichung der Projektergebnisse

Die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Projektergebnisse ist für den Herbst 2026 auf der Website des Betroffenenvereins NRW geplant.

WDR-Lokalzeit-Beitrag am 31.07.2026.

Was ist Oral History?

Ein Forschungsansatz, der sich auf methodisch abgesicherte Interviewtechniken mit unterschiedlichem Strukturiertheitsgrad stützt und die Perspektive von Zeitzeug:innen in den Mittelpunkt rückt. Lebensgeschichtliche Erzählungen der Zeitzeug:innen entstehen in Interaktion mit den interviewenden Historiker:innen. Dabei liegt das Verständnis zugrunde, dass auch Historiker:innen keinen direkten Zugriff auf die Vergangenheit haben. Im Fokus steht, die subjektive Bedeutung des Erlebten zu erforschen und in den jeweils gültigen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext zu setzen. Dadurch entsteht in der historischen Interpretation eine zusätzliche Schicht zu Archivquellen und wichtige Hinweise für weitere Forschungsansätze: ein spannender Ansatz zur Ergründung und Vermittlung von historischer Komplexität.

Aktuelle politische Aufarbeitung in NRW

Das Thema fand Eingang in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung: https://www.koalitionsvertrag2025.de/sites/www.koalitionsvertrag2025.de/files/koav_2025.pdf.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat einen Runden Tisch zur Aufarbeitung initiiert: https://www.mags.nrw/pressemitteilung/minister-laumann-nordrhein-westfalen-haelt-wort-und-treibt-die-aufarbeitung-des.

Beschluss des NRW-Landtags: Landtag Nordrhein-Westfalen, Drucksache 17/15632, https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-15632.pdf.

Kooperationspartner

Betroffenenverein ‚Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW‘, www.kinderverschickungen-nrw.de.

Co-Dozentin Carmen Behrendt, Doktorandin, hat den Betroffenenverein in der Verganegnheit als freiberufliche Historikerin wissenschaftlich begleitet.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner

Seminarleiter Dr. Helge-Fabien Hertz, Mail: helgefabien.hertz@uni-due.de, Tel. +49 201-1833589

Redaktion

Astrid Bergmeister, Pressesprecherin der Universität Duisburg-Essen,

Mail: astrid.bergmeister@uni-due.de, Tel. +49 203-3792430

Gefördert durch die Qualitätsverbesserungskommission der Fakultät für Geisteswissenschaften

Universität Duisburg-Essen

Stabsstelle des Rektorats Hochschulmanagement und Kommunikation
Ressort Presse
Forsthausweg 2 ● 47057 Duisburg
Ressortleitung, Pressesprecherin: Astrid Bergmeister
0203/ 37 9-2430 ● astrid.bergmeister@uni-due.de