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WAZ: Ärzte-Streik an Uni-Kliniken: Der Patient zwischen Schaden und Profit - Kommentar von Petra Koruhn

    Essen (ots) - Ärzte streiken. Der Betrieb an Uni-Kliniken ist auf SOS gestellt. Nur wenn es um Leben oder Tod geht, greifen sie ein. Ansonsten: Ärzte streiken. Ärzte wollen mehr Geld? Mit so einer Forderung hätten Ärzte noch vor gar nicht so langer Zeit ein (Vor-)Urteil zementiert: Halbgott in Weiß.

    Wer jemals im Krankenhaus gelegen hat, revidiert unter Einfluss der Klinikrealität dieses (Vor-)Urteil sehr schnell. Weil er sieht, wie hart Ärzte arbeiten müssen. Wenn es stimmt, dass dieser Streik von der Sympathie der Patienten getragen wird, ist dennoch Vorsicht geboten: Diese Sympathie ist selten nur Ausdruck von Verständnis, sondern Resultat einer zutiefst menschlichen Eigenschaft – der Angst. Dass Patienten der Arbeitsniederlegung positiv gegenüber stehen, hat damit zu tun, dass sie Sorge haben, einem nicht mehr leistungsfähigen Arzt in die Hände zu fallen. Diese Angst zeigt die Abhängigkeit der Kranken – das ist etwas anderes als Sympathie.

    Diese Angst wäre unberechtigt, würde das neue Arbeitszeitgesetz (Bereitschaftsdient ist Arbeitszeit, nicht Freizeit) Anwendung finden. Der Doktor mit Tag-, Nacht- und wieder Tagschicht im Kittel hätte sich erledigt. Doch auf Drängen der Kliniken wurde die Regelung bis 2007 ausgesetzt. Gescheitert, weil es sich nicht machen lässt: 27 000 neue Ärzte würden gebraucht – a) nicht bezahlbar und b) woher nehmen? Schon jetzt fehlen etwa 5000 Ärzte im Land. Weil sie keine Lust haben auf 32-Stunden-Schichten, auf massig unbezahlte Überstunden nach zwölf Jahren Ausbildung.

    Ärzte stehen unter Druck. Die neuen Fallpauschalen bedeuten noch größere Arbeitsintensität: immer mehr, immer schneller. Die Hälfte der Arbeit sei geblockt durch bürokratische Aufgaben. Es gibt Kliniken, die diese Aufgaben ausgelagert haben, die Bürokräfte eingestellt haben. Es gibt sogar Uni-Kliniken – wie die in Freiburg – die sich von Porsche-Chef Wiedeking über die Schulter gucken ließen, um die Probleme der Überbelastung mit dem Unternehmerblick anzugehen. „Banale Dinge” habe man geändert, heißt es. Der Blick von draußen sei enorm wichtig, um die häufig verfahrenen Strukturen innen zu verändern und um zu besseren Arbeitsabläufen zu gelangen. Freiburg hat bundesweit Akzente gesetzt.

    Ärzte streiken. Und sind ratlos. Auch sie wissen nicht genau, wie sich ihre berechtigten Forderungen allgemeinverträglich bezahlen lassen. Sie betonen, dass alles Lebensnötige getan wird. Man kann darüber diskutieren, ob es schlimm ist, eine Operation zu verschieben – aber tausend? Für den Patienten bedeutet jede Operation Stress. Verschiebungen potenzieren diesen Stress. Streikführer sagen, dass man sich ja woanders operieren lassen könne. Dadurch verliere die Uni-Klinik Geld, die andere Klinik profitiere. Der Patient als Mittel im Arbeitskampf, zwischen Schaden und Profit. Wenn es eine Moral gibt im Streik, dann wird sie – spätestens – hier deutlich gebrochen.

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