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WAZ: Selbstschutz der Opfer - Kommentar von Petra Koruhn

Essen (ots) - Wenn das erste Entsetzen vorbei ist, bleiben Trauer, Mitgefühl und Fragen über Fragen. Wie kann es sein, dass dieser schwächlich wirkende Mann eine Großfamilie in seine Gewalt brachte? In 350 Fällen ist Detlef S. angeklagt. Wie konnte es passieren, dass all das jahrelang unentdeckt blieb? Und nun steht diese neue Frage im Raum, auf die es keine Antwort zu geben scheint. Wie kann es sein, dass die Tochter dem Mann, der ihr Leben zerstört hat, nicht Rache schwört? Sondern stattdessen vor Gericht diese irritierenden Worte fand: "Ich liebe meinen Vater immer noch. Ich hasse ihn nicht, und ich will ihm das auch noch einmal persönlich sagen." Es klingt unverständlich. Doch psychologisch zeigt das Verhalten der Tochter nahezu lehrbuchhafte Züge: Menschen, die gefangen gehalten oder gequält werden, neigen dazu, selbst rohe Gewalt zu relativieren. Es ist Selbstschutz. Das "Stockholm-Syndrom", diese scheinbare Sympathie für den Täter, kann die Opfer davor bewahren, sich schmutzig und mitschuldig zu fühlen. Wie es oft der Fall ist. Im Zuge der Aufarbeitung wird die Mauer des Schutzes bröckeln. Psychologen werden helfen. Es bleibt zu hoffen, dass es für die Opfer wieder ein normales Leben geben wird. Doch auch das ist eine sehr offene Frage.

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