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WAZ: Debatte um Klaus Ernst - Dürfen Linke reich sein? Leitartikel von Thomas Wels

Essen (ots) - Eines muss man den Linken lassen: Wenn sie diskutieren, dann ohne Ansehen der Parteizugehörigkeit. Nun also haben wir den Linken und ihren Vormann Klaus Ernst die hübsche Debatte zu verdanken: Wie reich darf eigentlich ein Linker sein?

Solche Gehaltsfragen sind beliebt in Deutschland, bisher allerdings wurden sie meist mit Blick auf Manager gestellt. Neu ist es, das monatliche Salär mit der politischen Einstellung zu verbinden. Als ob Linkssein eine Verdienstkategorie wäre. Was wohl Bert Brecht zu solch' kleingeistiger Neiderei sagen würde, jener Brecht, der viel Geld auf Züricher Konten hatte? Und was Multimillionäre wie der Hamburger Reeder Peter Krämer oder Drogerieketten-Besitzer Dirk Rossmann, die sich für eine höhere Besteuerung der Reichen einsetzen?

Klaus Ernst ist jetzt in der nicht alltäglichen Lage eines Linken-Funktionärs, in Verteidigungsreden ebenso wie mancher Manager vor ihm auf den Spitzensteuersatz zu verweisen, den er schließlich zahle - und natürlich erhöht wissen will. Die Debatte sagt mithin zweierlei aus: Ernst ist in seiner Position höchst umstritten und wird aus der eigenen Kaserne heraus beschossen. Zweitens wirft sie ein Schlaglicht auf die Ewiggestrigen seiner Partei, die eine Gleichmacherei auf niedrigerem Niveau als politisches Ziel verfolgen - und das dreisterweise auch noch unter dem Mantel der Gerechtigkeit.

Zu Recht wehren sich Sozialdemokraten, in eine derart unappetitliche Suppe gerührt zu werden. Auch unter ihnen gibt es reichlich Besserverdiener. Aber das hat nicht in erster Linie mit Politik zu tun, in den meisten Fällen auch nichts mit Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil. Warum soll jemand, der sich als Sozialdemokrat für Chancengleichheit einsetzt, späterhin nicht auch die Früchte der Chancengleichheit in Form eines hohen Gehalts ernten? Wer fleißig ist, sich hocharbeitet aus kleinen Verhältnissen, der will das auch genießen. Neid und Missgunst sind Charakter-Fehler, kein Konzept für Gerechtigkeit.

Die lässt sich jedenfalls nicht über brutal gekappte Gehaltsauszüge herbeiführen. Der verstorbene US-Philosoph John Rawls, geschätzt vor allem bei Sozialdemokraten, hielt ökonomische und soziale Ungleichheit durchaus für gerecht - so lange sie den weniger Begüterten den größten Nutzen bringt. Wer, wenn nicht die Besserverdiener, soll denn den Wohlfahrtsstaat finanzieren?

Wir sollten die Partei-Politiker und Funktionäre an den Taten messen, nicht am Weinkeller.

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