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19.05.2009 – 19:07

Westdeutsche Allgemeine Zeitung

WAZ: Ärztetag und Medizinerprotest - Ein offensichtliches Verteilungsproblem - Leitartikel von Stefan Schulte

    Essen (ots)

Nein, Ärzte können nichts dafür, dass die Welt in der Krise steckt. Es ist eher ein Zufall der dümmeren Art, dass die Krise just in das Jahr fällt, das die Ärzteschaft spaltet. In Gewinner und Verlierer einer Honorarreform mit vielen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten.

      Dennoch ist die wirtschaftliche Gesamtlage natürlich von Belang,
wenn Ärzte mehr Geld fordern. Sie können nichts für die Krise, aber
sie können sie auch nicht ignorieren. Schließlich werden Ärzte aus
einer Sozialkasse bezahlt, die gerade Milliarden an Beiträgen
verliert, weil hunderttausende Menschen arbeitslos werden. Die
Solidargemeinschaft aus Beschäftigten, Rentnern und Arbeitgebern
leidet enorm unter der Krise. Die Ärzte leiden unter einer Reform,
die ihre eigene Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mitgestrickt
hat.

      Noch im Herbst 2008 verkaufte KBV-Chef Köhler die Reform als
seinen Erfolg. Dass er nach gescheitertem Praxistest die
Verantwortung der Politik zuschiebt, dient allein dem eigenen
Machterhalt. Es ist leichter, auf die Politik zu zeigen, als den
Radiologen zu sagen, sie mögen den Augenärzten etwas abgeben. Die
Hausärzte kämpfen längst für sich. Sie korrigieren die Reform auf
eigene Rechnung und untergraben damit die Autorität der KBV. Das ist
aus ihrer Sicht nur zu verständlich. Doch jeder Euro, den eine
einzelne Gruppe erstreitet, fehlt an anderer Stelle.

      Das Signal, das der Deutsche Ärztetag in die Wartezimmer der
Republik sendet, lautet: Liebe Patienten, ihr müsst leider mehr
selbst zahlen, weil die Politik unfähig ist. Das ist einfallslos und
bar jeder Selbstkritik. Weil der interne Verteilungskampf gescheut
wird, fordert man insgesamt mehr Geld, also einen neuen Schluck aus
der Gießkanne. Genau daran krankt aber die Reform. Sie gleicht die
Honorare der Praxen an, wodurch einige deutlich mehr und einige
deutlich weniger erhalten. Die einen kämpfen um ihre Existenz, andere
haben 250 000 Euro Jahresbrutto. Das Verteilungsproblem ist so
offensichtlich, dass die Forderung nach neuen Geldquellen an Ignoranz
grenzt.

      Erst, wenn sich die Wirtschaft erholt, kann mehr Geld ins System
fließen. Bis dahin kann es nur darum gehen, das mühsam eingesammelte
Geld gerechter zu verteilen. Das muss eine starke Dachorganisation
leisten, bei all ihren Makeln ist das die KBV. Sollte sich ihr
Autoritätsverlust als zu groß erweisen, müsste Ulla Schmidt
übernehmen. Das dürfte nicht der Traum vieler Ärzte sein.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-6528
zentralredaktion@waz.de

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